Maschinenbau und Automobilindustrie haben in Deutschland sehr hohe Exportanteile.
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Maschinenbau und Automobilindustrie haben in Deutschland sehr hohe Exportanteile.

Der Gastbeitrag

Wie sich Wertschöpfungsketten ändern müssen

  • vonWolfgang Lemb
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Fast drei Jahrzehnte lang galt es als oberstes Gebot, dass Firmen dort produzieren, wo es am billigsten ist. Die Corona-Krise hat gezeigt, was sich ändern muss.

Schon vor der Corona-Krise wurde kontrovers darüber diskutiert, ob überkomplex gewordene Liefer- und Wertschöpfungsketten wieder stärker in die Nähe heimischer Produktionsstandorte gerückt werden sollten. Und die Krise hat sowohl für unsere Volkswirtschaft als auch für Unternehmen die politische Frage aufgeworfen, in welchen Bereichen die internationale Abhängigkeit zu groß geworden ist.

Die ökonomischen Folgewirkungen der Pandemie werden immer deutlicher. Nach jüngsten Prognosen der Welthandelsorganisation (WTO) könnte der globale Warenaustausch in diesem Jahr um ein Drittel einbrechen. Zudem zeichnet sich ab, dass die Investitionen der multinationalen Unternehmen signifikant zurückgehen werden. Es ist daher zu erwarten, dass der massive Einbruch der Produktion in vielen Ländern längerfristige Auswirkungen auf globale Wertschöpfungsnetzwerke nach sich ziehen wird.

Diese Entwicklung trifft das Exportmodell Deutschland ins Mark. Die Automobilindustrie mit 65 Prozent und der Maschinenbau mit etwa 80 Prozent haben sehr hohe Exportanteile. Damit wird schnell klar: Populistischen Abgesängen auf die Globalisierung durch Abschottung und Protektionismus ist eine Absage zu erteilen.

Vielmehr geht es darum, die Funktionsfähigkeit der Lieferketten wiederherzustellen. Wenn Wertschöpfungsketten im Maschinenbau und der Elektrotechnik stillstehen, hat das Auswirkungen auf die Produktion von Lebensmitteln und Medikamenten, aber auch auf Kraftwerke und Wasserversorger. Und es hat massive Auswirkungen auf die Beschäftigung in Deutschland. Alleine an den beiden großen Industriebranchen Fahrzeugbau inklusive Zulieferindustrie und Maschinenbau hängen hier mehr als drei Millionen Arbeitsplätze.

Damit die Produktion nach dem Lockdown schrittweise reanimiert werden kann, ist es wichtig, Produktion und Lieferketten sowohl national als auch europäisch möglichst synchron hochzufahren. Das ist insbesondere für die stark innereuropäisch vernetzten Kernbranchen der deutschen Industrie von Bedeutung.

Wolfgang Lemb ist Vorstand der Industriegewerkschaft Metall.

Die Unternehmensberatung McKinsey erwartet, dass sich sehr viele Unternehmen ihre globalen Lieferketten anschauen und zugleich lokalere Strukturen aufbauen werden. Rückverlagerung muss dabei keineswegs ausschließlich von Nachteil sein. Jüngere Studien zeigen: Eine Verbesserung der Wertschöpfungstiefe kann zu verbessertem Know-how, höherer Produktivität und mittelfristig höheren Gewinnen im eigenen Unternehmensnetzwerk führen.

Gleichwohl ist davon auszugehen, dass bei der Herstellung vieler Produkte die globale Arbeitsteilung erhalten bleibt. Ein umfassendes sogenanntes „Re-shoring“ nach Deutschland ist nicht zu erwarten. Der Trend, in der jeweiligen Kontinentalregion zu produzieren, wird sich voraussichtlich nicht grundlegend ändern. Allerdings ist zu erwarten, dass deutsche Firmen tendenziell weniger in Asien und deutlich mehr in Osteuropa produzieren lassen.

Und nicht nur Deutschland, sondern auch andere Kontinentalregionen überlegen derzeit, wie sie den Anteil der Wertschöpfung im Inland steigern können. „America first“ und chinesische Konkurrenz erfordern deshalb ein einiges und handlungsfähiges Europa.

Der europäische Binnenmarkt mit seinen 450 Millionen Menschen bleibt das Fundament für die wirtschaftliche Erholung. Europa muss sich industriepolitisch wieder strategischer und eigenständiger positionieren. Es geht um „technologische Souveränität“ – auch gegenüber den USA und China. Frankreichs Präsident Macron hat recht, wenn er dafür wirbt, dass Europa Schlüsselindustrien halten oder wiederaufbauen muss. Wir brauchen eine gemeinsame Strategie der europäischen Union für innereuropäische Wertschöpfungsketten in wichtigen Technologiebereichen wie der künstlichen Intelligenz, der Umwelttechnologie, der Medizin und des Gesundheitswesens.

Die Corona-Krise sollte auch dafür genutzt werden, den CO2-Abdruck der Lieferketten neu zu bewerten. Zudem sind die Wahrung der Menschenrechte, der Arbeitnehmerrechte und des Gesundheitsschutzes, ob bei chinesischen Automobilzulieferern oder deutschen Schlachthöfen, vom Anfang bis zum Ende der Lieferkette einzuhalten. Andernfalls werden die gesellschaftlichen Folgekosten jegliche betriebswirtschaftliche Kalkulation ad absurdum führen.

Gerade die anstehende deutsche Ratspräsidentschaft bietet die Möglichkeit, ein europäisches Lieferkettengesetz auf den Weg zu bringen, mit dem eine Basis für weitere multilaterale Vereinbarungen geschaffen werden könnte.

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