Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Hartz IV
+
Hartz IV

Zwischenbilanz Hartz IV

Eine Million Erfolgsgeschichten mit Hartz IV

Vor zehn Jahren wurde Hartz IV eingeführt – mit allerlei Schwierigkeiten. Aber das Instrument hat sich bewährt. Ein Gastbeitrag von Heinrich Alt , ehemaliger Vizepräsident der Bundesanstalt für Arbeit.

Von Heinrich Alt

Zehn Jahre Grundsicherung für Arbeitsuchende. Ein Jubiläum, an dem man sicherlich kein Feuerwerk anzünden möchte, denn immer noch leben viel zu viele Menschen schon viel zu lange von „Hartz IV“. Es ist aber ein Grund, zurückzublicken und stolz zu sein auf das Erreichte. Gleichgültig, wie gut oder schlecht man das Gesetz findet, noch nie in der deutschen Sozialgeschichte wurde so intensiv mit Menschen am Rande oder gar außerhalb der Gesellschaft an der Hoffnung auf eine bessere Zukunft gearbeitet. Menschen, die sich wieder gebraucht und nicht vergessen fühlen.

Bei einer Sozialreform dieser Dimension kann sicherlich nicht alles bedacht und losgelöst vom Zeitgeist für immer ins Gesetz geschrieben werden. Das zeigen die mittlerweile über 70 Gesetzesnovellen. Unbürokratisch geht sicherlich besser. Die gute Idee war, dass anders als in der alten Sozialhilfe eine auskömmliche Pauschale ausgezahlt wird. In der Erwartung, dass sich 20 Prozent der Kolleginnen und Kollegen mit der Leistungsbearbeitung und 80 Prozent mit der Integrationsarbeit beschäftigen können.

Die heutige Realität sieht anders aus. Die Grundsicherung hat sich leider zu einer komplexen Rechtsmaterie entwickelt, die dem hohen Gerechtigkeitsanspruch von Millionen von Menschen ausgesetzt ist. Das ist kein Beispiel für schlankes Verwaltungshandeln.

Schlechter Start

Der Start in die neue Grundsicherung vor zehn Jahren war alles andere als brillant. Viel zu hektisch und unvorbereitet. Es gab keine hinreichend geschulte Mannschaft, sondern zwei Teams aus unterschiedlichen Verwaltungskulturen, die auf einmal dasselbe Trikot anhatten und auf das gleiche Tor zurannten. In den dann folgenden zehn Jahren hat sich für mich gezeigt, dass genau diese Mischung aus Arbeitsmarktprofis und Spezialisten aus der fürsorgenden Sozialpolitik den Erfolg ausmacht. Die Grundsicherung trug von Beginn an den Stempel des Vorläufigen. Die Organisationsfrage war lange Zeit ungeklärt. Das führte zu einer viel zu hohen Personalfluktuation und hohen Befristungen. Alles nicht hilfreich, um auf Dauer gute Arbeit machen und ein Vertrauensverhältnis zu unseren Kunden aufbauen zu können. Ohne stabiles und trainiertes Personal kann man keinen guten Job machen.

Heute sind wir deutlich besser aufgestellt. Ich lese in diesen Tagen anlässlich des Jubiläums Schlagzeilen wie „Ein System der sozialen Kälte“, „Sklavenhalterideologie“ oder davon, dass „Hartz IV eine Gesellschaft der Angst“ geformt hat. Wir werden auch weiterhin noch mehr lesen über Sanktionen, Drohkulissen oder Drangsalierung. Meist von Menschen geschrieben oder ausgesprochen, die noch nie ein Jobcenter von innen gesehen haben. Die weder mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Jobcentern noch mit Menschen gesprochen haben, die es mit viel Mühe, aber auch viel Unterstützung geschafft haben, wieder unabhängig von staatlichen Transfers zu leben.

Es ist nicht einfach, sich von diesen Schlagzeilen nicht beeindrucken zu lassen. Leider weiß ein Großteil der Öffentlichkeit bis heute nicht, welche Aufgabenfülle unter welchen Rahmenbedingungen in den Jobcentern bewältigt wird. Auch nach zehn Jahren tut Aufklärung Not.

Allein die regelmäßige Auszahlung der Grundsicherungsleistungen und damit die Sicherung des Lebensunterhalts von mehr als sechs Millionen Menschen, ist eine Herkulesarbeit. Ich bin oft in Jobcentern und erlebe hoch engagierte Kolleginnen und Kollegen, die tagtäglich mit den unterschiedlichsten Menschen zusammenarbeiten. Für viele Kunden des Jobcenters sind die Kollegen häufig seit langem die einzigen Ansprechpartner, die einzigen, die ihnen zuhören, sich für ihr Leben interessieren, ihnen etwas abverlangen, ihnen noch etwas zutrauen.

Wir haben in diesen vergangenen zehn Jahren viel erreicht. Menschen Hoffnung gegeben, sie darin unterstützt, in der Warteschlange am Arbeitsmarkt Schritt für Schritt voranzukommen, ihnen immer wieder Mut gemacht. Das alles verlangt viel Geduld, viel Engagement und eine hohe Frustrationstoleranz. Wir wollen Menschen nicht dauerhaft alimentieren, sondern aktivieren, niemanden aufgeben, für jeden eine Idee entwickeln, jedem vermitteln, dass es für ihn einen Platz in der Arbeitsgesellschaft gibt. Gemeinsam mit ihm auf die Suche nach seinen Talenten und Chancen gehen.

Das klingt einfach, ist es aber nicht. Die Kolleginnen und Kollegen in den Jobcentern haben einen nicht ganz leichten Job. Sei es in der Eingangszone, wo sie oftmals als erste Anlaufstelle den direkten Frust abbekommen, sei es im Leistungsbereich, wo sie sich mit dem mehr als komplexen Recht auseinandersetzen müssen, und nicht zuletzt in der Vermittlung, wo Menschen von ihnen eine Antwort auf ihre Zukunftsfragen wollen.

Seit Einführung der Grundsicherung sind über eine Million Menschen weniger auf diese Leistung angewiesen. Und jede Einzelne dieser Erfolgsgeschichten war die Mühe wert. Was der Grundsicherung bis heute fehlt, ist Werbung. Bis heute gibt es keinen gesellschaftlichen Konsens, dass für die Existenzsicherung in Deutschland ein sozialstaatlich zumindest akzeptables System entwickelt wurde. Jobcenter sind nicht die Schmuddelecke des Sozialstaates. Die Arbeit im Jobcenter ist eine der herausforderndsten und wichtigsten Aufgaben in der Sozialpolitik, die wir derzeit in der Bundesrepublik zu vergeben haben.

Heinrich Alt war von 2001 bis 2002 Vizepräsident der Bundesanstalt für Arbeit, seitdem ist er im Vorstand der Bundesagentur für Arbeit, wo er seit 2007 die „Gesamtaufgabe SGB II“ (umgangssprachlich: Hartz IV) verantwortet.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare