1. Startseite
  2. Meinung

Für eine klimafreundliche Zukunft – trotz Trump

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Der US-Präsident wird den Klimaschutz nicht aufhalten können. Zu viel hat sich bereits geändert, zu viel ist im Gange.

Von Sander Chan

Am Morgen nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten liefen viele Delegierte sprachlos über das Gelände der UN-Klimakonferenz in Marrakesch, auf ihren Gesichtern die Frage: Was nun?

Erst im Dezember 2015 hatten die Delegierten mit dem UN-Klimaschutzabkommen in Paris einen historischen Schritt gemacht. Auf dem Weg nach Paris versprachen Tausende von Firmen und Investoren, Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen und Milliarden zu investieren, und weltweit gingen Hunderttausende Menschen für eine klimafreundliche Zukunft auf die Straße. Wie jedoch wird die Zukunft aussehen, wenn mit den USA eine Großmacht mit einem offen klimaschutzfeindlichen Präsidenten am Verhandlungstisch sitzt?

Trumps Klimaskepsis ist mehr als nur Rhetorik. Trump erscheint als Hiobsbote für den Klimaschutz in den USA – und in der ganzen Welt. Trotz der allgemeinen Katerstimmung gibt es Hoffnung: Zahlreiche gesellschaftliche Kräfte mobilisieren sich für eine progressive Agenda, und Klimaschutzmaßnahmen werden sich weiter durchsetzen – mit oder ohne Trump.

Während der Rest der Welt sich gerade von der jahrzehntelangen Fixierung auf fossile Brennstoffe löst, gewinnen Öl- und Kohleindustrie im Trump-Kabinett beispiellosen Einfluss auf die US-Politik. So ernannte Trump den Vorstandsvorsitzenden des Ölriesen Exxon und Putin-Freund Rex Tillerson zum Außenminister; des weiteren machte er den Klimawandelleugner Scott Pruitt zum Leiter der staatlichen Umweltschutzbehörde EPA; und Rick Perry, ehemaliger Gouverneur von Texas und ebenfalls prominenter Klimawandelleugner, zum Energieminister.

Wir sollten uns über Trumps Einstellung zum Klimaschutz also keine Illusionen machen. In der ersten Woche seiner Präsidentschaft hat die EPA alle Projektmittel eingefroren und damit der öffentlich finanzierten Klimawissenschaft den Geldhahn zugedreht. Innerhalb von zehn Minuten nach Trumps Vereidigung verkündete die Webseite des Weißen Hauses eine „America-First-Energiepolitik“.

Unter diesem Plan sollen alle Gebiete in öffentlichem Besitz für die Rohstoffausbeutung freigegeben werden. Die EPA soll sich nur noch um lokale Wasser- und Luftreinhaltung kümmern und nicht mehr um das Klima. „America First“ in der Energiepolitik bedeutet auch die Abschaffung von Obamas „Clean Power Plan“. Trump macht mit wenigen Federstrichen die wichtigsten nationalen Klimaschutzbemühungen seines Vorgängers zunichte.

Vielleicht wird sich die USA sogar auf der internationalen Bühne komplett aus der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UN) zurückziehen. Entwicklungsländer, von denen schon heute viele den verheerenden Auswirkungen des Klimawandels ausgesetzt sind, können von den USA nicht länger Unterstützung für Klimaanpassung und kohlenstoffarme Entwicklung erwarten, wenn Trumps Amerika auch der internationalen Klimafinanzierung den Rücken kehrt.

So finster die Vorzeichen der Klimapolitik unter Trump auch sein mögen: Es besteht Grund zur Hoffnung. Erstens bleiben wichtige wirtschaftliche Triebkräfte kohlenstoffarmer Entwicklung und zur Klimaanpassung bestehen. Durch Innovation und Skalierung sind erneuerbare Energien zu einer starken Konkurrenz für Technologien auf Basis fossiler Brennstoffe geworden. Die US-Kohleindustrie stirbt nicht aufgrund von Obamas Klimapolitik, sondern wegen der Konkurrenz durch heimisches, weniger klimaschädliches Erdgas. Während die fossile Brennstoffindustrie Arbeitsplätze abbaut, nimmt die Beschäftigung in der erneuerbaren Energiewirtschaft zu. Außerhalb der Kontrolle Washingtons investieren immer mehr Firmen, Investoren und Städte in die Reduktion von Treibhausgasen und auch in die Anpassung an den Klimawandel.

Miami hat beispielsweise in den letzten Jahren mehr als hundert Millionen Dollar in Sturmwasserentwässerung investiert. Diese und andere Klimaschritte geschehen weitgehend unabhängig von der nationalen Politik und nicht aus karitativen Absichten. Kohlenstoffarme Lösungen und intelligente Anpassungsmaßnahmen an den vorhersehbaren Klimawandel sind wirtschaftlich oft längst unschlagbar.

Zweitens haben die US-Amerikaner in der Vergangenheit immer wieder eine erhebliche gesellschaftliche Widerstandsfähigkeit gegen umweltfeindliche Regierungen gezeigt. Bürgerbeteiligung in den 1980er Jahren hat der wirtschaftsliberalen Antiumweltschutzpolitik unter Präsident Ronald Reagan entgegengewirkt. Als Konsequenz blühte die regierungsunabhängige Umweltbewegung auf und etablierte sich als gesellschaftliche Kraft. Trumps Wirklichkeitsverweigerung beim Klimawandel könnte die Menschen in den USA und weltweit auf vergleichbare Weise für den Klimaschutz mobilisieren.

Die Massen, die sich auf der ganzen Welt am Tag nach Trumps Vereidigung an den „Women’s Marches“ beteiligten, zeigen nicht nur eine gesellschaftliche Unterstützung von Frauenrechten. Sie zeigen auch das enorme Potenzial Liberaler wie auch Konservativer, die noch auf eine faktenbasierte Politik pochen und bereit sind für eine nachhaltige Zukunft zu kämpfen. Diese neue gesellschaftliche Gegenbewegung könnte einen radikalen Wandel weg vom klimapolitischen Stückwerk hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft und einer nachhaltigeren Zukunft bewirken. All dies ist natürlich nicht selbstverständlich, aber kohlenstoffarme Entwicklung und Anpassung an den Klimawandel sind, was wir überall trotz Trump fortsetzen und weiterhin anstreben müssen.

Sander Chan ist wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.

Auch interessant

Kommentare