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Zu Schulzeiten dominieren Frauen in künstlerischen Bereichen. Doch warum sieht man sie später kaum in Führungspositionen? (Symbolbild)
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Zu Schulzeiten dominieren Frauen in künstlerischen Bereichen. Doch warum sieht man sie später kaum in Führungspositionen? (Symbolbild)

Gastbeitrag

Eine Frauenquote für die Kunst

  • VonErhard Grundl
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In kulturbezogenen Studienfächern machen Frauen den Großteil der Absolvent:innen aus. Aber warum schafft es kaum eine in eine Führungsposition?

Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen war. Zu meiner Schulzeit suchten Chor- oder Theater-AGs händeringend nach männlichen Stimmen und Schauspielwilligen. Die allermeisten Buben mussten zur Teilnahme gedrängt werden. Mädchen bekamen in musischen Fächern oft die besseren Noten. Das setzt sich fort: Auch in kulturbezogenen Studienfächern machen Frauen den Großteil der Absolvent:innen aus. Doch: Wo sind die Frauen in der Kunst?

Nur 22 Prozent der deutschen Theater werden von einer Frau geleitet, 30 Prozent der Inszenierungen an diesen Bühnen sind von Frauen, in mageren 14 Prozent der Produktionen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks führen sie Regie. Und von 130 Orchestern in Deutschland werden sage und schreibe drei von Frauen dirigiert. Frauen im Kulturbereich sind hochqualifiziert. Auf den Entscheidungsebenen kommen sie dennoch nicht an.

Die Welt wird vom Mann aus definiert, schreibt schon Simone de Beauvoir. Das gilt bis heute und auch für die Welt der Kunst. Der Befund ist bekannt und seit Jahren unverändert. Aktuelle Studien des Kulturrates, der Universität Rostock und der MalisaStiftung, bestätigen: Männer verlegen, rezensieren, dirigieren, besetzen, inszenieren vorrangig Männer oder stellen sie aus.

Die Regisseurin Angelika Zacek erzählt auf der Web-Plattform Theapolis folgende Anekdote: „Ein Staatstheater hat zehn Regiepositionen zu vergeben. Neun gehen an Männer, eine geht an eine Frau. Die Frau macht eine super Inszenierung. Sie wird in ‚Theater heute‘ als beste Nachwuchskünstlerin nominiert. In der Spielzeit darauf wird sie nicht mehr engagiert.“ Nun sind zehn Männer auf den Regiepositionen. Sie fragt beim Schauspieldirektor nach, der sagt: „Ja, aber ich muss doch meine Kumpels versorgen.“

„Männer sind die unausgesprochene Selbstverständlichkeit, und über Frauen wird nicht geredet“, so Caroline Criado-Perez. Die Frauen, die es trotz der Brother Culture, der Seilschaften und der permanenten Unterschätzung geschafft haben, sind unterbezahlt. Der Gender-Pay-Gap in der Kultur liegt im Durchschnitt bei 24 Prozent, bei freien Regisseurinnen bei 39 Prozent. Tendenz steigend für alle Branchen, so der Kulturrat.

Auch bei den unter 30-Jährigen und in der Künstlersozialkasse (KSK) Versicherten verdienten 2019 freie darstellende Künstlerinnen durchschnittlich 10 300 Euro im Jahr, Künstler dagegen 15 000 Euro. Der geringere Verdienst erschwert die Bildung von Altersvorsorge und Rücklagen für Krisenzeiten, wie Corona. Mit anderen Worten: Auch in der Kunst ist Altersarmut weiblich.

Dabei haben wir durchaus Handlungsmöglichkeiten, die weit über den „runden Tisch“ der Kulturstaatsministerin hinausgehen oder über ihr Mentoring-Programm, in dem in vier Jahren ganze 97 Frauen betreut wurden -und das bei 800 Bewerbungen!

Wie das Bundesverfassungsgericht betont, hat das Gleichberechtigungsgebot im Grundgesetz einen höheren Stellenwert als das Gleichheitsgebot. Der Gesetzgeber sei berechtigt, „faktische Nachteile, die typischerweise Frauen treffen, durch begünstigende Regelungen auszugleichen“ (BVerfGE 92, 91 (109). Das verstehe ich als Aufforderung.

Wenn der Hälfte der Gesellschaft nicht weiter ihre Chancen auf eine gerechte Verteilung von Geld und Perspektiven auch in Kultur und Medien verwehrt werden sollen, gibt es nur eins: Die Quote, um endlich Parität zu erreichen, etwa bei Leitungspositionen, Intendanzen, Stipendien und Werkaufträgen, bei der Besetzung von Jurys zur Auswahl von Preisen, Förderprogrammen sowie Projekten und Veranstaltungen von öffentlich finanzierten oder bezuschussten Institutionen. Zudem ist die Nachwuchsförderung von Frauen zu verbessern, ebenso wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Bestehende Regulierungsmöglichkeiten, etwa das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und das öffentliche Vergaberecht, müssen gezielter eingesetzt werden. Insgesamt geht es darum, mehr Diversität bei Besetzung, Ausstellung und Anstellung auch von Frauen mit Migrationsgeschichte, Transpersonen und Menschen mit Behinderung im Kulturbereich zu erreichen.

Wer jetzt zum Lamento um die Kunstfreiheit anhebt, dem rate ich zum Perspektivwechsel. Denn derzeit gilt: Kunst ist frei, vorausgesetzt sie ist männlich. Aus Sicht der Frauen sind wir von dieser Freiheit weit entfernt.

Darum, um es mit Margarete Stokowski zu sagen: „Man muss nicht für die Quote sein, man kann auch einfach warten und sterben, bevor es Gleichberechtigung gibt.“ Gewartet wurde allerdings schon viel zu lange.

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