Artenschutz

Eine Brücke für die Haselmaus

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Wenn der Artenschutz gegen Bauprojekte ins Feld zieht, nutzen seine Gegner dies zu grundsätzlicher Polemik. Das ändert aber nichts an seiner Notwendigkeit. Die Kolumne.

Vilshofen an der Donau ist ein beschauliches Städtchen. In die Schlagzeilen geriet es früher allenfalls, wenn der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß beim „Politischen Aschermittwoch“ die „Roten“ besonders kernig beschimpfte, so etwa als er 1971 in den Saal röhrte, das Ausmaß der roten Unterwanderung bei Funk und Fernsehen gäbe Anlass zu ernsthaftesten Sorgen für die Zukunft unserer Gesellschaftsordnung. Diese Gefahr dürfte, wenn sie denn jemals bestand, zwischenzeitlich gebannt sein.

Doch Vilshofen geriet in neuester Zeit wieder in die Schlagzeilen. Zunächst lokal wegen einer erbitterten Auseinandersetzung zwischen Naturschützern und denen, die eine Umgehungsstraße forderten. Es bedarf keiner großen Fantasie, um zu erraten, wer schließlich unterlag.

Die Straße ist fast fertig und zerschneidet den Lebensraum der Haselmaus. Das Straßenbauamt Passau schuf eine 93 000 Euro teure und sieben Meter hohe Haselmausbrücke, die deren Lebensraum links und rechts der Straße verbinden sollte.

Eine metallene Spezialanfertigung nur für diesen national wie europarechtlich streng geschützten Bilch. Dumm nur, dass es den Lebensraum nicht mehr gibt, denn dort entstand ein großes Neubaugebiet. Also genau das Gegenteil dessen, was die Haselmaus benötigt. Da die Brücke aber planfestgestellt war, wurde sie natürlich auch gebaut. Dieser Schildbürgerstreich brachte Vilshofen bundesweite Aufmerksamkeit. Leider nutzen böswillige Zyniker die Haselmausbrücke zur populistischen Generalkritik am Naturschutz.

Zielkonflikte zwischen Artenschutz und Bauvorhaben nehmen im dicht besiedelten Deutschland zu und lösen mitunter heftigen Streit aus. Man erinnere sich an den Juchtenkäfer, der sogar einen kurzen Baustopp von Stuttgart 21 verursachte. Letztendlich hat das seltene Insekt dann seinen Lebensraum im Schlosspark doch verloren.

Nun eilen Mauereidechsen den Gegnern von Stuttgart 21 zu Hilfe. Die aufgelassenen Gleisanlagen in Untertürkheim sind flächenmäßig nötig zum Betrieb des neuen Bahnhofs. Doch die dort lebenden, streng geschützten Mauereidechsen müssen der Rechtslage nach umgesiedelt werden. Es stehen jedoch keine geeigneten Flächen zur Verfügung.

Scheitert das auch mit Wasserwerfern durchgesetzte Mammutprojekt jetzt an den Mauereidechsen? Oder wird es so teuer, dass es nicht mehr finanzierbar ist? Die Gegner von Stuttgart 21 argumentieren seit Langem, dass die Bahn besser in die Modernisierung und den Ausbau von Service und Schiene investiert hätte.

Rotmilan gegen Windräder, Kammmolche gegen Bundesstraße, Blaukehlchen gegen Autobahn – solche Konflikte verblassen gegenüber den globalen Umweltkatastrophen. Es sind aber viele kleine Entscheidungen, die sich zum massiven Artenverlust summieren.

Die positiven Langzeit-Effekte von politisch durchgedrückten Prestigeprojekten – vom Main-Donau-Kanal bis zu Stuttgart 21 – dürften dagegen ähnlich zweifelhaft sein wie die Vilshofener Einschätzungen des Herrn Strauß. Nur haben sie leider deutlich weniger kabarettistischen Wert.

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