Die deutsche Wirtschaft steckt auf Grund der Corona-Krise in einer schweren Rezession.
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Die deutsche Wirtschaft steckt auf Grund der Corona-Krise in einer schweren Rezession.

Konjunktur

Ein schwarzer Tag

  • Andreas Niesmann
    vonAndreas Niesmann
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Deutschland steckt in einer schweren Rezession. Die Krise ist wegen Corona nicht überraschend. Das Ausmaß schon.

Das Wörtchen „historisch“ soll man vorsichtig verwenden. Aber am Donnerstag gab es zu sprachlicher Zurückhaltung keinen Grund. Die Zahlen, die die Statistikämter diesseits und jenseits des Atlantiks vermeldet haben, lassen keinen Platz mehr für Schönfärberei: die Corona-Pandemie hat zu einem historischen Einbruch der Wirtschaft geführt. Man wird sich an diesen 30. Juli 2020 erinnern. Noch in Jahrzehnten.

Um 10,1 Prozent ist die deutsche Wirtschaft zwischen Mai und Juni infolge von Corona-Krise und Lockdown eingebrochen. Einen solchen Abschwung hat es seit Beginn der quartalsweisen Aufzeichnungen Anfang der 1970er Jahre nicht gegeben. Nach dem Rückgang um zwei Prozent zu Jahresbeginn ist es amtlich: Deutschland steckt in einer schweren Rezession.

Die deutschen Zahlen mögen dramatisch sein, aber sie sind nichts im Vergleich zu jenen aus den USA. Dort ist die Wirtschaft regelrecht implodiert. Um unfassbare 32,9 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten im zweiten Quartal gefallen. Ein Drittel der Wirtschaftsleistung der größten Volkswirtschaft der Welt ist weg.

So grausam diese Zahlen sind – überraschend kommen sie nicht. Wenn Wirtschaftszweige stillstehen, wenn keine Autos mehr gebaut, keine Schiffe mehr entladen, keine Schnitzel mehr bestellt werden, dann sinkt der Wohlstand. Der Einbruch war erwartet worden, erschreckend ist nun vor allem das Ausmaß.

Eine gute Nachricht gibt es immerhin – zuletzt hat die deutsche Wirtschaft wieder angezogen. Auch das ist logisch, wenn Firmen wieder produzieren und Menschen wieder konsumieren. Die Bundesregierung geht davon aus, dass der Tiefpunkt bereits überwunden ist und die Wirtschaft im dritten Quartal wieder wachsen wird. Gut möglich, dass es so kommt. Ein zweite Corona-Welle allerdings oder gar ein neuerlicher Lockdown würde alle Berechnungen und Prognosen zu Makulatur werden lassen.

Sorgenvollen Blicke richten sich nun vor allem auf den Arbeitsmarkt. Die Kurzarbeit befindet sich noch auf Rekordniveau. 6,7 Millionen haben im Mai Kurzarbeitergeld bezogen, weil sie ihren Job nicht oder nur teilweise ausüben konnten. Wie viele von ihnen werden in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis zurückkehren? Und wie viele werden arbeitslos? Das kann niemand seriös vorhersagen.

Milliardensummen hat die Bundesregierung investiert, um die schlimmsten ökonomischen Folgen der Krise abzufedern. Der Blick über den großen Teich zeigt, dass das bislang recht gut funktioniert hat. Allerdings wird auch ein so starkes Land wie Deutschland die üppigen Stützungs- und Sozialprogramme nicht ewig durchhalten können.

Hinter vorgehaltener Hand diskutieren Regierungsvertreter längst darüber, dass man aufpassen müsse, keine zwei Klassen der Arbeitslosigkeit zu schaffen. Wenn jene, die vor Corona ihren Job verloren haben, von Arbeitslosengeld oder Hartz IV leben müssten, während alle anderen Kurzarbeitergeld bekämen, würde das zu neuen Ungerechtigkeiten führen, lautet ihre Argumentation. Sie ist nicht ganz von der Hand zu weisen, bislang allerdings traut sich kein Spitzenpolitiker, die unbequeme Wahrheit offen auszusprechen.

Noch darf die Regierung hoffen, dass auf den steilen Einbruch der Konjunktur ein ebenso schneller Aufstieg folgt. Mit Blick auf die Wachstumskurve sprechen Ökonomen von einem V. Wahrscheinlicher wird aber ein anderes Szenario: der Swoosh. Steiler Abfall, langsamer Anstieg – so wie beim Logo des Turnschuhherstellers Nike.

Es werden viele Unternehmen auf der Strecke bleiben. Einige, weil ihr Geschäftsmodell davon abhängt, dass viele Menschen sich treffen, was auf absehbare Zeit kaum möglich sein wird. Andere, weil ihr Geschäftsmodell schon vor der Krise ins Wanken geraten ist, und Corona die Schwachstellen nun schonungslos offengelegt hat.

„Die fetten Jahre sind vorbei“, hatte Finanzminister Olaf Scholz bereits Anfang 2019 gewarnt. Er hätte seinerzeit wohl selbst nicht geglaubt, wie sehr er mit diesem Satz recht behalten würde.

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