Sind Kreuzfahrtschiffe die Lösung?
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Sind Kreuzfahrtschiffe die Lösung?

Leitartikel

Ein Schiff für Moria?

  • vonMatthias Koch
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Im Streit um Kreuzfahrtschiffe als Lösung für Lesbos berühren sich auf makabre Weise zwei immer mühsam auseinandergehaltene Welten: Reich und Arm.

Was verbindet Erik Marquardt, Katarina Barley und Friedrich Merz? Ratlos blickt das politische Berlin auf diese drei unterschiedlichen Persönlichkeiten, die noch nie an einem Strang gezogen haben – es aber erstmals tun, zur Verblüffung von Freund und Feind.

Der Grüne, die Sozialdemokratin und der CDU-Mann fordern die Entsendung von Kreuzfahrtschiffen nach Lesbos, um den Obdachlosen aus dem abgebrannten Flüchtlingslager Moria schnell eine Unterkunft zu geben. Eine Schnapsidee sei das, sagten rundherum spontan viele andere – auch in den jeweils eigenen Parteien der drei Politiker. Doch denen war das egal.

Marquardt, geboren in Mecklenburg-Vorpommern, Fotograf, jetzt Europaabgeordneter, ist seit vielen Jahren ein flüchtlingspolitischer Aktivist. Sein Motiv lag für viele auf der Hand: Er will Aufmerksamkeit schaffen für die Lage der Betroffenen.

Bei Barley, Vizepräsidentin des Europaparlaments, zuvor Justizministerin in Berlin, ist der Fall schon komplizierter. Sie ist Idealistin und Juristin zugleich, hat einen Sinn fürs Machbare und war eigentlich nie für Schnellschüsse bekannt. Mit großem Ernst verwies sie auf „konkrete Angebote von Reedereien zu Selbstkosten“ und erklärte: „Die Europäische Kommission sollte hierauf zügig eingehen.“

Merz schließlich, die große Hoffnung deutscher Konservativer, ist in diesem Kreis die größte Überraschung – und für manche Fans die größte Enttäuschung. Warum stieg er auf diese betont hemdsärmlige Art in die Moria-Debatte ein? Wollte Merz, zuletzt Manager des US-amerikanischen Konzerns Blackrock, den Deutschen mal neues Denken vorführen, „outside the box“?

Als Merz vor zwei Jahren in die politische Arena zurückkehrte, verband er dies mit dem Ziel, die AfD zu halbieren. Die Kreuzfahrtschiff-Idee aber scheint eher eine mobilisierende Wirkung auf die rechte Szene zu entfalten. In der Zwielichtzone zwischen Union und AfD tippten sich in den vergangenen Tagen viele an den Kopf und ließen im Internet Gehässigkeiten kursieren: Den Flüchtlingen auch noch ein Kreuzfahrtschiff finanzieren? So weit kommt es noch!

Derweil wurden auch Kreuzfahrtkritiker von links unruhig, ebenso wie Umweltaktivisten, die an den hohen Schadstoffausstoß aus den Schloten der Ozeanriesen erinnerten. Doch niemand muss sich aufregen: Das Traumschiff wird nicht kommen.

Kreuzfahrtschiffe seien „im Vergleich zu anderen Optionen nicht kosteneffizient“, ließ ein EU-Sprecher inzwischen wissen. Die Bürokraten in Brüssel beherrschen noch immer die Grundrechenarten. Dennoch hallt jetzt die Kreuzfahrtschiff-Debatte nach. Das liegt daran, dass hier auch philosophisch etwas ins Schwingen geraten ist: Im Streit um einen Luxusliner als Lösung für Lesbos berühren sich auf makabre Weise zwei ansonsten immer mühsam auseinandergehaltene Realitäten dieser Zeit: ein Reichtum, der maßlos geworden ist, und eine gleichzeitig gewachsene Armut, wegen der Betroffene oft in menschenunwürdigen Verhältnissen leben müssen.

Ein Traumschiff für Moria: Das hätte Bilder eigener Art entstehen lassen, etwa wenn man Flüchtlinge vorbei an blinkenden Pools und Wellnesslandschaften, in die Speisesäle unter Kronleuchtern gelotst hätte, wo sonst immer zur „Captain’s Night“ gebeten wird oder zum Bingo.

Deutsche Reiseveranstalter und Reeder zeigten sich offen für die Idee – zumal viele Schiffe wegen der Corona-Krise ohnehin gerade stillgelegt sind. Johannes Zurnieden etwa, Geschäftsführer von Phoenix Reisen in Bonn, sagte: „Wir haben Schiffe, die nutzlos hier in Deutschland liegen, während die Menschen auf Lesbos ohne Toiletten sind und nicht wissen, wo sie schlafen sollen. Ein Schiff ist gewiss besser als der Straßenrand.“

Hand aufs Herz: Stimmt das nicht sogar alles? Wäre nicht ein Schiff, das Großküche und Krankenstation gleich an Bord hat, in solchen Fällen eine geradezu ideale, elegante Lösung? Und hat nicht auch der Impuls von Marquardt, Barley und Merz im Grunde etwas Sympathisches? Noch absurder jedenfalls als die Traumschiff-Idee ist die krasse Ungerechtigkeit der Welt, in der wir derzeit leben.

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