Faust-Kultur

Eilig entschleunigen

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Die Internetseite Faust-Kultur überrascht den Konsumenten.

Faust-Kultur ist ein Onlineforum, dessen Redaktion in Frankfurt am Main sitzt. Finanziert wird es von der gemeinnützigen Faust-Kultur-Stiftung. Der Zugang ist frei. Profite werden nicht gemacht. Veröffentlicht werden Erzählungen, Gedichte Essays, Interviews, aber auch Rezensionen von Büchern, Filmen und Veranstaltungen. Eine der besten Kulturadressen im deutschen Internet.

Seit 2010 gibt es das Forum. Viele der erschienenen Beiträge sind im Archiv zugänglich. Autoren sind Otto A. Böhmer, Lena Gorelik, Hans Klaus Jungheinrich, Bernd Leukert, Martin Lüdke, Thomas Rothschild. Alban Nikolai Herbst schreibt über Terry Gilliams‘ (Monty Python) Inszenierung von Hector Berlioz‘ „La damnation de Faust“, die er in der Berliner Staatsoper sah.

Harry Oberländer schreibt über Feridun Zaimoglus Luther-Roman „Evangelio“: „Die Kunstsprache, die Feridun Zaimoglu für seinen Lutherroman entwickelt hat, lässt vom ersten Satz an keinen Zweifel, dass wir uns in einer anderen Zeit befinden und mit vielen befremdlichen und exotisch wirkenden Sitten, Gebräuchen und Verhaltensweisen konfrontiert werden. Diese Sprache ist eine Herausforderung an den Leser, sie erfordert Ruhe und Konzentration.

Wer so viel Entschleunigung aufbringt, wird mit einer Leseerfahrung belohnt, durch die die ferne Welt des späten Mittelalters sinnlich erfahrbar wird. Zaimoglus Sprache, die sich mittelalterlicher Wörter und Wendungen bedient, führt in das Alltagsleben des 16. Jahrhunderts, vor allem aber auch in die Abgründe von Aberglauben, Verbrechen und grausamen Strafen. Das passt sehr gut zu einem der Motti von „Faust-Kultur“: „Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.“ (Mahatma Gandhi).

Faust-Kultur ist ein Medium systematischer Entschleunigung. Dabei spielt sicher eine Rolle, dass die meisten Autoren das Rentenalter erreicht haben. Wer glaubt, Erfahrung, Kenntnisse und Wissen ständen Frische, Neugierde und Wachheit im Wege, der wird auf den Seiten von Faust-Kultur eines Besseren belehrt. Auch wo man den Damen und Herren widerspricht, zwingen sie einen doch, das auf einem hohen Niveau zu tun. Dafür schon ist man ihnen dankbar.

Noch ein Gedicht. Von Werner Söllner: „Nichts ist gekommen, wie/ Wir es wollten. Alles ist anders/ Gekommen./ Das eigene kleine/ Leben wird über Nacht/ Geschichte. Eine schöne/ Oder eine schlimme/ Geschichte. Die dauert/ Ein paar Jahre und geht/ Dann zu Ende./ Liebste, du gehst/ In die Küche? Bring mir doch/ Bitte ein Glas mit, ein Glas/ Wasser. Oder ein Wort, vielleicht/ Noch ein Wort.“ Auf Faust-Kultur kann man auch Söllner zuhören, wie er sein Gedicht spricht. Arno Widmann

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