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Eigenrechte für die Natur

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Von: Christine Ax

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Gegen die gefährliche Naturvergessenheit schlagen die Betriebswirte vor, für Tiere die Verfassung zu ändern. Dann erst lässt sich nachhaltig wirtschaften. Der Gastbeitrrag.

Die Mainstream-Volkswirte sind Kummer gewöhnt. Seitdem in Paris Tausende gegen eine Lehre auf die Straße gingen, die nur neoliberale Wirtschaftsdogmen kennt, wächst auch in Deutschland die Zahl derer, die mit der Einseitigkeit der universitären Lehre nicht einverstanden ist. Dass selbst renommierte Vertreterinnen und Vertreter der bisher „unverdächtigen“ Betriebswirtschaftslehre radikal neue Antworten geben, wenn sie das Ziel ernst nehmen, Wirtschaft und Natur zu versöhnen, ist viel zu wenig bekannt.

In der Schriftenreihe Rechte der Natur/Biokratie sind in den letzten 18 Monaten fast 20 Schriften erschienen, in denen eine Revolution angezettelt wird. Wenig beachtet hat sich eine Denkschule etabliert, die nicht mehr glaubt, dass man mit Umweltmanagement den Kollisionskurs korrigieren kann, mit dem wir uns auf Mutter Erde befinden. Sie fordern ein Umdenken in Unternehmen und Politik und wollen, dass dies in der Lehre ankommt.

Dass ausgerechnet Betriebswirte Auswege aus dem ökologischen Dilemma suchen, ist bemerkenswert. Galt doch die Betriebswirtschaftslehre bisher als „systemtragend“. Die Natur ging in ihre Theorien als Voraussetzung ebenso wenig mit ein wie andere soziale und kulturelle Ressourcen. Natur wurde als selbstverständlich vorausgesetzt – wie ein „Sack von Rohstoffen“. Die Empfehlung des neoliberalen Chefdenkers Milton Friedman, dass Unternehmen sich keine Sorgen um die eigenen sozialen und ökologischen Voraussetzungen machen sollten, sondern ganz darauf konzentrieren sollten, Gewinne zu maximieren, halten sie für grundfalsch.

Grundlage für Menschenrechte

In ihren Veröffentlichungen gehen sie weit über das übliche „greenwashing-bashing“ hinaus. Sie rekonstruieren die Dogmengeschichte und vollziehen nach, wie es zu der folgenreichen und gefährlichen Naturvergessenheit kommen konnte. Sie untersuchen Umwelt-Managementmethoden und diskutieren gesellschaftliche und unternehmensbezogene Strategien, mit denen der Übergang in eine wirklich nachhaltige Wirtschaftsweise gelingen kann.

Sie schlagen vor, der Natur Eigenrechte zuzusprechen. Nicht nur um den Rationalitätsbruch zu heilen, der darin besteht, dass man „die Kuh nicht schlachten darf, wenn man sie melken möchte“, sondern auch, weil Menschenrechte dauerhaft ohne die Durchsetzung der Rechte der Natur keine Grundlage haben.

Deutschland wäre nicht das erste Land, das der Natur eigene Rechte gewährt. Ecuador hat am 28. September 2008 in seiner Verfassung der Natur Eigenrechte zugesprochen. Artikel 7 der Verfassung legt fest, dass die Natur, die jegliches Leben hervorbringt, ein Recht darauf hat zu existieren und darauf, sich selber (ihre Kreisläufe, Strukturen, Funktionen und evolutionären Prozesse) zu reproduzieren. Es ist das erste Mal, dass ein Staat die Eigenrechte der Natur anerkennt. Und Englands Grüne würden es auch tun, wenn sie die Regierung stellen würden.

Auf einer ersten Tagung im November 2015 in Hamburg, die Klaus Töpfer eröffnete, traf sich diese Scientific Community um die Herausforderungen zu diskutieren, die sich daraus für Wissenschaft und Lehre ergeben. Ein zweites Symposium findet in diesen Tagen zu Ehren des bereits emeritierten Professors Eberhard Seidel in Siegen statt. Er hat mit dem Hamburger Unternehmer und BAUM-Gründer Georg Winter seit den 70er Jahren an eine Neuausrichtung der Betriebswirtschaftslehre in Wissenschaft und Forschung gearbeitet und gilt als Spiritus Rector und Motor dieser Denk- und Lehrschule seines Fachs.

Die bisher veröffentlichten Bände versammeln in der Reihe „Rechte der Natur/Biokratie“ eine große Bandbreite an Autoren und Themen. Dogmengeschichte, Naturverständnisse und- verhältnisse, aber auch konkrete Vorschläge, wie eine nachhaltigkeitsorientierte Balanced Scorecard für die Automobilzulieferindustrie aussehen könnte, werden behandelt.

Effizienz-, Konsistenz- und Suffizienz-Strategien sind in diesen Überlegungen wichtig. Ralf Isenmann, Professor für Nachhaltiges Zukunftsmanagement, schlägt Unternehmen vor, von den evolutionär erprobten Strategien der Natur zu lernen und die Regeln nachhaltigen Wirtschaftens in ko-evolutionäre Strategien der Entscheidungsfindung und Leistungserbringung oder Organisation zu überführen.

Hans-Ulrich Zabel, seit 1995 Inhaber der Stiftungsprofessur „Betriebswirtschaftslehre – Betriebliches Umweltmanagement“ in Halle, untersucht die verhaltensbezogenen Möglichkeiten zur Umsetzung des notwendigen Lebensraumschutzes und favorisiert eine sonnenenergiebasierte Kreislaufwirtschaft und eine öko-soziale Marktwirtschaft.

Thomas Göllinger, Professor in Konstanz, schreibt über integrierte evolutionstheoretische und systemische Ansätze und darüber, warum Effizienz, Konsistenz und Suffizienz zwar zu Recht als Strategie-Optionen der Zukunftsfähigkeit angesehen werden, aber dann in die Irre führen, wenn sie – wie manche ihrer Vordenker hartnäckig behaupten – jeweils als alleinseligmachende Strategie gegen die jeweils anderen beiden Strategien in Stellung gebracht werden.

Auch wenn die Mainstream-BWL in Deutschland die Thesen der Siegener Schule noch nicht zum Bestandteil ihrer Lehre gemacht hat, ist es doch sehr ermutigend und mutig, dass sich nun auch Betriebswirte mit den drängendsten Zukunftsfragen beschäftigen und für echte Lösungen streiten.

Christine Ax ist Wissenschaftlerin und Autorin und arbeitet seit Mitte der 90er Jahre über Aspekte nachhaltigen Wirtschaftens ().

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