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Warum Biontech beim Nobelpreis für Medizin leer ausging

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Von: Laura Beigel

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Das Biontech-Gründerpaar Ugur Sahin und Özlem Türeci: Sie bekamen den Preis nicht.
Das Biontech-Gründerpaar Ugur Sahin und Özlem Türeci: Sie bekamen den Preis nicht. © Stefan F. So¤mmer / Imago Images

Wieder einmal hat das Komitee den Nobelpreis für Medizin nicht an jene vergeben, die hoch gehandelt wurden. Das ist nicht falsch. Der Leitartikel.

Zu den hoch gehandelten Anwärtern des Medizin-Nobelpreises haben die beiden Molekularbiologen David Julius und Ardem Patapoutian nicht gezählt. Nur wenige Menschen außerhalb der Fachwelt dürften über ihre wissenschaftlichen Errungenschaften im Bilde sein – was nicht bedeutet, dass diese unbedeutend sind. Im Gegenteil: Das Wissen über Zellrezeptoren für Berührung und Temperatur kann bei der Entwicklung von Therapien gegen eine Reihe von Krankheiten, etwa chronische Schmerzen, helfen. Die Auszeichnung ist also verdient.

Als preisverdächtig galten vor allem die Biontech-Gründer Ugur Sahin und Özlem Türeci sowie Biochemikerin Katalin Karikó. Ihnen ist es gelungen, innerhalb kürzester Zeit den weltweit ersten mRNA-Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln. Karikó, die inzwischen als Vizepräsidentin bei Biontech tätig ist, hatte mit ihrer Forschung zur RNA-vermittelten Immunaktivierung den Grundstein für den Impfstoff gelegt. Er ist inzwischen millionenfach eingesetzt worden, um Menschen vor schweren Verläufen einer Infektion mit Sars-CoV-2 zu schützen. Allein in Deutschland wurde das Vakzin namens Comirnaty für knapp 40 Millionen Erstimpfungen und 42 Millionen Zweitimpfungen verwendet.

Damit hätten die drei Forschenden den letzten Willen von Alfred Nobel, dem Namensgeber der Auszeichnung, eigentlich am besten erfüllt. Der Dynamit-Erfinder hatte in seinem Testament festgelegt, die Nobelpreise an diejenigen zu überreichen, „die im vergangenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen erbracht haben“. Dementsprechend eifrige Spekulationen gab es um die Impfstoffentwickler als mögliche Nobelpreisträger.

Dass das Nobelpreiskomitee trotz alledem eine andere Entscheidung getroffen hat, ist im Nachhinein jedoch keine wirkliche Überraschung. Das mRNA-Verfahren, auf dem der Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer beruht, hat seinen Nutzen im Zuge der Pandemie zwar unter Beweis stellen können, allerdings ist es noch recht jung.

Ob ein wissenschaftlicher Durchbruch tatsächlich einen großen Nutzen für die Menschheit hat, lässt sich meist erst nach mehreren Jahren beurteilen. Die Preisträger des vergangenen Jahres, Harvey J. Alter, Michael Houghton und Charles M. Rice, identifizierten das Hepatitis-C-Virus bereits im Jahr 1989. Erst rund 30 Jahre später erhielten sie für diese Entdeckung den Nobelpreis. Auch Molekularbiologe David Julius, der in diesem Jahr ausgezeichnet wird, hatte bereits in den 1990er Jahren damit begonnen, zu Rezeptoren auf Nervenzellen zu forschen.

Die mRNA-Technologie ist zwar etwa zur gleichen Zeit in den Fokus gerückt, jedoch erst seit knapp einem Jahr tatsächlich im Einsatz. Es gibt deshalb noch einige Unsicherheiten. Zum Beispiel ist noch nicht abschließend geklärt, ob Spätfolgen nach den Impfungen mit dem Corona-Vakzin auftreten können. Expertinnen und Experten halten diese für recht unwahrscheinlich, aber es mangelt bis dato an belastbaren Daten. Diese Ungewissheit könnte auch den Entschluss des Nobelpreiskomitees beeinflusst haben.

Die Initiative „The People’s Vaccine“ kritisiert zudem Biontechs Umgang mit den Patentrechten. Sie fordert die Firma auf, ihr Impfstoffrezept mit der Weltgesundheitsorganisation zu teilen. So könnten Produzenten weltweit den Impfstoff herstellen, um ihn dann in ärmeren Ländern einzusetzen. Diese profitieren bislang noch wenig von dem Vakzin.

Vielleicht erhalten die Biontech-Forscher eine Auszeichnung aus Stockholm noch in dieser Woche. Sie gelten auch als Favoriten für den Chemie-Nobelpreis. Möglicherweise dürfte sich aber auch erst in den kommenden Jahren zeigen, welche Chancen sie auf einen Nobelpreis haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie eines Tages mit einer goldenen Medaille geehrt werden, ist in jedem Fall groß. Denn die mRNA-basierte Impfstofftechnologie, die Sahin, Türeci und Karikó revolutioniert haben, ist zweifelsfrei ein wissenschaftlicher Durchbruch – mit großem Zukunftspotenzial.

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