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Die Ebene sprachlicher Perversion

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Von: Tanja Brandes

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Orte, an denen Menschen auf ihre Abschiebung warten, dürfen nicht beschnönigt werden.
Orte, an denen Menschen auf ihre Abschiebung warten, dürfen nicht beschnönigt werden. © Ralf Hirschberger (dpa-Zentralbild)

Politiker sollten aufhören, Dinge zu verschleiern. Ein "Ausreisezentrum" ist kein Ort, wo sich Reisende treffen. Es ist ein Ort, wo Flüchtlinge verzweifelt auf ihre Abschiebung warten. Der Leitartikel.

Ein sehr bekanntes Kinderlied trägt den Titel „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“. Es ist eine Warnung, die dem im Titel genannten Fuchs gilt: Der Jäger werde ihn erschießen, sollte er die entwendete Gans nicht zurückgeben. In der zweiten Strophe heißt es: „Seine große, lange Flinte / schießt auf dich mit Schrot / dass dich färbt die rote Tinte …“.

Es mag am Versmaß gelegen haben, dass Ernst Anschütz, Verfasser des Textes, die Umschreibung „rote Tinte“ für das Fuchsblut wählte. Oder daran, dass sie ihm poetischer erschien. Vielleicht wollte er aber auch den Kindern, die den Text hören und singen sollten, eine grausame Wahrheit ersparen. Was auch immer seine Motivation war – das Beispiel zeigt eine von unzähligen Möglichkeiten, dasselbe zu sagen ohne dieselben Worte zu benutzen. Unangenehmes zu umschreiben, ist ein menschliches Bedürfnis. Deshalb sagt man: „Er ist von uns gegangen“ statt „Er ist tot“. Geradezu vornehm veraltet klingt die Formulierung, jemand sei „unpässlich“ (um nicht zu sagen „krank“).

Sprache kann Schutz sein. Machtinstrument. Verführungsmittel. Das gilt erst recht für die politische Sprache. Unschuldig ist sie, als Kommunikationsmittel gebraucht, niemals. Und manchmal ist sie Ausdruck von Verachtung.

Dass derzeit wieder einmal von „Ausreisezentren“ die Rede ist, zeigt, dass Sprache auch ein zynisches Mittel sein kann, um verharmlost etwas auszudrücken, das, bezeichnete man es mit den eigentlich zutreffenden Worten, eine besonders umstrittene Angelegenheit zum Vorschein brächte. Bereits 2002 landete die Bezeichnung „Ausreisezentrum“ für eine Sammelunterkunft, in der Ausländer mit dem Ziel untergebracht werden, sie zur Rückkehr in ihr Herkunftsland zu bewegen, bei der Wahl zum Unwort des Jahres auf dem zweiten Platz. Begründung: Das Wort wecke die Vorstellung von freiwilliger Auswanderung oder gar einer Urlaubsreise.

Jede politische Führung, jede Partei sucht nach Möglichkeiten, Tatsachen, die zwar unangenehm, dem potenziellen Wähler aber dennoch nicht vorzuenthalten sind, so unfallfrei wie möglich zu formulieren. Es gilt dann, nicht die ganze Wahrheit zu sagen und nicht zu lügen. „Ausreisezentrum“ klingt weniger dramatisch, weniger nach Zwangsmaßnahme und gar nicht nach Strafvollzug.

So ein Name beruhigt vor allem jene, die sich in einem Zwiespalt befinden zwischen der eigenen gefühlten Toleranz Einwanderern gegenüber und dem Empfinden, diese Toleranz möge aber doch bitte nur für eine kleine, ausgewählte Gruppe von Menschen gelten, Kriegsopfer, wenn möglich, und bitte vorwiegend christliche. Das, was man im Englischen als „sugarcoating“ beschreibt, also als das bildliche Übergießen eines unangenehmen Sachverhalts mit sprachlichem Zuckerguss, ist eine ungeheuerliche Praktik, wenn es um Schicksale von Menschen geht, die nichts getan haben, als nach einem besseren Leben zu suchen.

Unabhängig davon, ob die als „Ausreise“ bezeichnete Abschiebung in einen sogenannten sicheren Drittstaat erfolgen soll, unabhängig davon, woher die Menschen kommen, die das Land über die „Ausreisezentren“ verlassen müssen und warum ihrer Bitte um Aufnahme nicht stattgegeben wurde: Sie sind, in aller Regel, geflohen; vor Gewalt, Diktatur oder wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit. Und unabhängig davon, ob sie in ihrer alten Heimat von Repressionen oder Arbeitslosigkeit bedroht sind: Sie haben dieses Leben zurückgelassen und können es nach einer Rückkehr oft nicht ohne weiteres wieder aufnehmen, wie man es nach einer Reise eben tut, ein bisschen wehmütig zwar, aber doch mit dem Gefühl: „Wie schön ist es, wieder zu Hause zu sein.“

Ein Ort, an dem Menschen versammelt werden, um auf ihre Abschiebung zu warten, steht für Niederlage, Enttäuschung, zerstörte Hoffnungen. Wer so einen Ort als „Ausreisezentrum“ bezeichnet, begibt sich auf die Ebene sprachlicher Perversionen, mit Hilfe derer psychische Folter als „alternative Verhörmethode“, moderne Waffen als „intelligente Wirksysteme“ und bei einem Bombenangriff getötete Zivilisten als „Kollateralschäden“ verharmlost werden.

Am 30. September 1989 verkündete der damalige Außenminister, Hans-Dietrich-Genscher, den auf dem Gelände der deutschen Botschaft in Prag ausharrenden DDR-Flüchtlingen, ihnen sei die Ausreise in den Westen erlaubt. „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise…“ Der Rest des Satzes ging im Jubelgeschrei unter. Es war ein Gänsehautmoment der Geschichte. Das Wort „Ausreise“ stand für Freiheit, zum Greifen nah. Welch ein Kontrast!

Sprache kann Schutz sein. Oder Waffe. Beides ist unter Umständen gerechtfertigt. Eines aber sollte Sprache nicht sein: ein Mittel zur Rechtfertigung, wenn die Ansprüche, die ein Land wie Deutschland an sich stellt, weit verfehlt wurden. Auch und gerade im Wahlkampf gibt es die moralische, die menschliche Verpflichtung, die Dinge beim Namen zu nennen. Und zwar ohne jeden Zuckerguss.

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