Klima

Ebbe in Berlin

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Was der Hauptstadt fehlt, ist ein Meer. Nicht nur, aber auch. Wäre es wirklich schön, wenn der Klimawandel das ändern würde? Die Kolumne.

Berlin sei ein Dorf, heißt es, und manchmal glaube ich, das stimmt. Wie wenig in dieser Stadt passiert, habe ich erst so richtig bemerkt, seitdem ich alle zwei Wochen an dieser Stelle über sie schreiben muss.

Ich hatte für diese Kolumne jetzt eigentlich auf Extinction Rebellion gesetzt, die ja angekündigt hatten, Berlin lahmzulegen. Das wäre doch mal ein Thema gewesen, über das ich noch eine Woche später hätte schreiben können! Aber trotz aller Aktionen der immerhin rund 3000 Klimaschützerinnen und Klimaschützer an jenen Tagen funktionierte Berlin weiterhin.

Nur in den einschlägigen Kommentarspalten wurde gewütet, als wären wir monatelang belagert worden. Ich frage mich, wo diese Stimmen waren, als neulich -zig Kreuzungen blockiert wurden, nur weil ein paar radikale Sportaktivisten unbedingt 42 Kilometer in möglichst kurzer Zeit laufen wollten.

Berlin hat alles, außer ein Meer, lautet eine weitere Binsenweisheit. Naja, alles bis auf bezahlbaren Wohnraum, ein schlüssiges Verkehrskonzept oder ausreichend Kitaplätze, möchte ich einwerfen. Aber das Meer fehlt trotzdem.

Mit einem Strand wäre die Stadt noch viel attraktiver, schon alleine, weil auf Sand keine E-Tretroller fahren könnten. Aber wie sähe sie ansonsten aus?

Die Gezeiten kämen auf jeden Fall sehr unregelmäßig, mal drei Tage gar nicht und dann wieder fünf hintereinander. In kleinen Büdchen gäbe es Döner mit Scampifleisch und Pfefferminzlikör mit Kokosmilch. Alle weitere Gastronomie bestünde aus Markthallen, in denen sehr gewöhnliche Speisen in nur sehr kleinen Portionen als Beachfood teuer verkauft würden.

Ärmere Familien von außerhalb Prenzlauer Bergs müssten daher selbstgefangene Fische direkt am Strand grillen. Natürlich nur die Männer, Frauen sind ja bekanntermaßen für die Zubereitung heißer Speisen völlig ungeeignet.

Beachclubs würden wegen Ruhestörung weggeklagt werden, um dann an billigeren Strandabschnitten wieder neu zu eröffnen. Strandverkäufer böten den Leuten Handtücher mit Buddy Bären, Ampelmännchen und Frühstücksbrettchen drauf an, über allem kreisten laut krächzende Tauben.

Es gäbe Diesel-, Benzin- und einige wenige Elektroboote, die willkürlich an allen möglichen Stellen ankerten, wobei sich die größte Wut der Berliner auf Stand-up-Paddler konzentrieren würde. Wahrscheinlich einfach, weil sie besser aussähen. Die Hafenanlagen wären zu klein oder eine Baustelle, der Wind käme eisig von Osten und der Sand wäre voller Hundekacke.

Ich bin mir nicht sicher, wie verlockend ich am Ende dieses Szenario finde. Bei aller Euphorie sollten wir dabei nämlich nicht vergessen, was ein Meer für Berlin bedeuten würde. Nämlich, dass es Hamburg dann nicht mehr gäbe.

Wir hätten den Strand also nicht für uns alleine, sondern müssten ihn mit 1,8 Millionen Hamburgern teilen, die die Mieten noch weiter hochtrieben. Und denken Sie an die ganzen Polohemden, die dann im Wind flatterten.

Insofern ist es doch nicht in unserem Interesse, dass die Bundesregierung die Klimaziele ungefähr so hartnäckig verfolgt wie ich meine guten Neujahrsvorsätze. Auch wenn wir in Berlin zwei Grad mehr vielleicht gar nicht so schlecht fänden, besteht die Welt ja nicht nur aus Berlin. Es ist am Ende global gesehen nämlich wirklich nur ein Dorf.

Katja Berlin ist Autorin.

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