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Abholzung des Regenwaldes in Brasilien: Der Raubbau an der Natur muss gestoppt werden.

Raubbau

Earth Overshoot Day: Als gäbe es kein Morgen

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Am 29. Juli ist Welterschöpfungstag: Die natürlichen Ressourcen der Erde sind dann, rein rechnerisch, aufgebraucht für dieses Jahr. Wir müssen es schaffen, den Tag im Kalender wieder weiter nach hinten zu schieben, sagt Eberhard Brandes vom WWF. Dafür muss Geld nachhaltig angelegt werden.

Am 29. Juli hat die Menschheit rechnerisch alle natürlichen Ressourcen aufgebraucht, welche die Erde innerhalb eines Jahres wiedergewinnen kann. Dann gehen wir der Erde an ihre Substanz und zehren sie aus. Wir holzen zu viel Wald ab. Wir überbeanspruchen Luft, Boden und Wasser. Wir pumpen zu viel Treibhausgase in die Atmosphäre und drehen somit am Thermostat der Erde. Wir plündern die Weltmeere und müllen sie zu. Wir wildern, überfischen, übersammeln. Und das so gnadenlos, dass wir laut den Berechnungen des Global Footprint Networks den sogenannten Earth Overshoot Day erstmals in den Juli geholt haben. Vor 20 Jahren lag er noch im Oktober.

Die Weltbevölkerung verbraucht inzwischen jährlich 75 Prozent mehr natürliche Ressourcen, als die Erde zeitgleich erneuert. In Deutschland langen wir im globalen Vergleich ordentlich zu, wenn es um die Ausbeutung der Erde geht. Deutschland hatte seinen Overshoot Day bereits am 3. Mai. Hätte die Weltbevölkerung denselben Jahresverbrauch wie hierzulande, verbrauchte sie die Ressourcen von drei Erden. Für unseren Lebensstil fallen in Südamerika, Afrika oder Asien Bäume, verschmutzen Flüsse, schwinden Tierbestände oder sterben Arten ganz aus. Wir leben als gäbe es kein Morgen.

Immense Mehrkosten für künftige Generationen

Wir können den Raubbau um uns herum stoppen. Dazu müssen wir das Paradigma des weltweiten Wirtschaftswachstums ohne Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der Erde hinter uns lassen. Zukunftsfähig ist nur eine faire und die Grenzen der Erde respektierende Wirtschaft. Unsere Kinder und Enkelkinder haben das kapiert. Deswegen stehen viele von ihnen freitags auf der Straße und fordern uns zum Kampf gegen die Erderhitzung auf.

Eberhard Brandes vom WWF-Stiftungsrat 

Sie verstehen nicht, dass mancher Erwachsene – darunter leider auch das eine oder andere Regierungsmitglied – Umweltschutz als Wirtschaftshemmnis sieht statt als Grundlage für künftige stabile ökonomische Systeme. Geschätzt erbringt die Natur mit ihrer Vielzahl an Lebewesen, ihrer Mannigfaltigkeit an Lebensräumen und ihrer genetischen Varianz eine ökonomische Wertschöpfung von rund 100 Billionen Euro jährlich. Wir zerstören diese Wertschöpfung und bürden künftigen Generationen immense Mehrkosten auf durch unser Verharren in zerstörerischen Energie-, Verkehrs- und Landwirtschaftssystemen.

Kürzlich hat der WWF Finanzdienstleister wie Banken und Versicherer gefragt, ob in ihren Portfolios Finanzierungsentscheidungen und Versicherungslösungen für Unternehmen und Projekte enthalten sind, die Umweltzerstörung Vorschub leisten – konkret in UNESCO-Welterbestätten. Denn neben der (potenziell) regulierenden Kraft der Politik ist es zuvorderst das Kapital der Finanzmärkte, das in der Realwirtschaft Veränderungen auslöst.

Diese Geldflüsse entscheiden und beschleunigen, welchen Industrien und Geschäftsmodellen aus den Kinderschuhen geholfen wird und welche in den Ruhestand gehen. Mit im Spiel ist unser Geld. Die meisten von uns verfügen über ein Bankkonto, sparen und legen an. Wir können unser Geld nur jenen Banken, Fondsverwaltern und Versicherern geben, die im Sinne der Umwelt anlegen und investieren.

Dazu braucht es Leitplanken, welche ökonomischen Aktivitäten als nachhaltig einzustufen und investitionswürdig sind. Immer mehr Finanzdienstleister sind gewillt, mitzuziehen – schon allein, um eigene Geschäftsrisiken zu minimieren. Jüngst hat eine Expertengruppe der EU-Kommission Vorschläge zu einer solchen Klassifizierung gemacht, das ist ein Anfang. Die Bundesregierung will unterdessen Deutschland zum führenden Standort für „Sustainable Finance“ machen. Immer gerne! Erster Schritt dafür wäre, dass Olaf Scholz und Co. den Empfehlungen des eigens dafür ins Leben gerufenen Beirats folgen.

Konsummuster verändern sich stetig

Immer mehr Menschen fangen derweil mit der notwendigen Veränderung bei sich an. Sie verursachen weniger Plastikmüll, steigen aufs Rad statt ins Auto oder setzen auf saisonale Bio-Lebensmittel aus heimischem Anbau. Sie leihen und teilen lieber als neu zu kaufen. Die Hose darf gerne secondhand sein, statt neu von der Stange. So verändern sich stetig Konsummuster. Unsere (Nicht-)Kaufentscheidungen bringen Unternehmen in Handlungszwang. Darin liegt mehr Kraft, als manche glauben.

Wir haben noch mehr Gestaltungsspielraum: #FridaysForFuture nervt rückwärtsgewandte (Land-)Wirtschafts-Lobbyisten deswegen so sehr, weil mit jedem protestierenden Menschen der Handlungsdruck auf die Politik wächst. Gandhi lässt grüßen. Es entsteht eine facettenreiche, kreative und weltweite Bürgerbewegung für die Vielfalt des Lebens auf dieser Erde. Mit ihr können wir den Welterschöpfungstag im Kalender wieder weiter nach hinten schieben. Tag für Tag.

Eberhard Brandes ist Geschäftsführender Vorstand beim WWF Deutschland.

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