+
Dunkle Wolken über New York.

Trump, Brexit, Rechtsruck

Dunkle Wolken, wohin man schaut

  • schließen

Viele schlechte Nachrichten nehmen wir hin. Es wird Zeit für mehr positive Emotion und kontroverse Debatten. Die Kolumne.

Es stimmt wohl, wir stumpfen ab. Sogar die Aufregung über Donald Trumps tägliche Twitterei ist zurückgegangen, man hat ja das Gefühl: Im realen Leben hat es bislang nicht viel geändert. Der Brexit? Es ist immer noch irgendwie unwirklich, dieses sehr reale Datum. Aber das ist längst nicht alles.

Dunkle Wolken, wohin man schaut. Die Aufkündigung von Abrüstungsabkommen? Der sogenannte Handelskrieg USA mit China? Die rechten Regierungen in Ungarn, Österreich und Italien? Der sehr ungewisse Zukunft der Autoindustrie? Das „Milliardenloch“ im Bundeshaushalt? Früher hätte eines der vielen Themen gereicht, um die Republik aufzuregen. Heute sind es Tagesnachrichten, die niemandem an die Seele gehen.

Es liegt auch daran, dass es kompliziert geworden ist, zu erkennen, um was es wirklich zu kämpfen lohnt. Die großen Themen sind komplex und schwer beeinflussbar. Es ist – siehe: Klima – mehr die Sehnsucht nach einem guten eigenen Gefühl, das die Engagierten antreibt, als echte Gewissheit über Wirkung im globalen Maßstab. Es ist manchmal schon schwer, zu erkennen, was große Trends sind und was nur kleine Problemchen.

Goldene Jahre, bleierne Jahre, magere Jahre

Die Meldung, dass im Bundeshaushalt bis 2023 rund 25 Milliarden Euro fehlen, war so ein Fall. Einwand 1: Für die öffentliche Debatte immer viele Jahre zusammenzuzählen und so auf horrende Zahlen zu kommen, ist verzerrend und ärgerlich. Einwand 2: Es gibt überhaupt noch keinen Bundeshaushalt über das Jahr 2019 hinaus. Der Finanzminister wollte ausgabefreudige Ressorts nur frühzeitig einschüchtern. Einwand 3: Was da jetzt prognostiziert wird, ist ein Weniger an Zuwachs bei den Steuereinnahmen, kein echtes Minus. Bedenkpunkt 4 indes: Vielleicht ist es jetzt doch die lange erwartete Trendwende hin zu weniger Wachstum, das würde vieles ändern.

Es ist oft so, dass solche großen Linien erst später erkannt werden. Goldene Jahre, bleierne Jahre, magere Jahre: Die Attribute werden hinterher verliehen. Wenn man eine Zeit gerade erlebt, spürt man es so noch nicht. Also: Was ist das jetzt für eine Zeit? Eine, in der allerorten die dunklen Wolken auftauchen, ohne dass es wirklich stürmt. Man kann sich nicht mal sicher sein, ob der Sturm überhaupt kommt. Oder, ob er vielleicht gerade anfängt.

Menschen haben die Gabe, sich mehr mit dem Alltag zu beschäftigen als mit wolkigen Zeitgeistanalysen. Schlimm, wenn es umgekehrt wäre. Wahrscheinlich ist es das, was abstumpfen lässt, wenn Nachrichten über große Bedrohungen und wirre Politik nicht enden und doch irgendwie abstrakt bleiben. Und dies – bis hin zu Wahlkämpfen – dazu führt, dass sich hinterher alle fragen, wieso diese großen Fragen, die doch rückblickend offensichtlich sind, nur eine so kleine Rolle gespielt haben.

Mal sehen, wie es beim Europawahlkampf wird. Eigentlich gehören die großen Fragen ins Zentrum. Entweder europäische Werte, europäischer Zusammenhalt, neue Konsequenz bei den sozialen und klimapolitischen Themen – oder die Illusion der Rückwendung zum Nationalen. Dies breit und engagiert zu debattieren, bräuchte aber die echte Erwartung, dass sich etwas bessern kann. Sonst fehlt die Lust am Richtungsstreit.

Ist all die Abgestumpftheit nur gefühlt oder schon echt? Es wird Zeit für mehr positive Emotion. Positiv im Sinne von: was bewegen wollen. Sonst freuen sich die Angstmacher.

Richard Meng ist freier Autor und Kuratoriumsvorsitzender der Karl-Gerold-Stiftung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare