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Heute widersetzt sich Jürgen Vogel wohl als einziges Film- und Fernsehgesicht dem Zwang zum Colgate-Gebiss.

Kolumne

Die dunkle Seite des Mundes

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Alle wollen ja heute ein sendefähiges Gesicht. Pech hat nur, wer keine Zahnzusatzversicherung besitzt. Wie Jürgen Vogel.

Kennen Sie Karma Singh? Eher nicht, würde ich denken. Er ist ein Geistheiler aus England, der auf seinem Youtube-Kanal mit Video-Transmissionen von Ängsten befreien, entgiften oder den Geldfluss verbreitern will und für eine avancierte Internetnutzung ohne technische Geräte wirbt. Ich bin auf ihn gestoßen, weil er in einem Forum über Panikattacken als „weniger gut aussehender Mann mit mangelhaftem Gebiss“ geschmäht wurde.

Das hat mich interessiert. Heutzutage sind gute, eigentlich strahlende, in jedem Fall ebenmäßige Zahnreihen zwar keinesfalls eine Kassenleistung, aber die Grundvoraussetzung für Sendefähigkeit. Und wer möchte nicht auf Sendung sein auf die eine oder andere Art. Wobei es spätestens ab vierzig natürlich losgeht mit der Kette Zahnwurzelbehandlung – Wurzelspitzenresektion – Zahnziehen – und dann was? Implantat, wenn man es bezahlen kann oder versichert ist.

Karma Singh, ein blasser Mensch mit schmalen Lippen, kinnlangen, silberweißen, nach innen geföhnten Haaren und einer freundlich-verschmitzten Stimme, eine Mischung aus Catweazle und König Artus also, hat offensichtlich keine Zahnzusatzversicherung. Und will vielleicht auch keine. Ihm fehlen einige Zähne, darunter ein Schneidezahn, und er lässt es so. Auch im echten Leben begegnet man immer häufiger Menschen mit Zahnlücken. Sie lachen dann nicht mehr ganz so herzlich oder lassen sich einen Bart wachsen.

In den Achtzigern waren Zähne kein großes Thema, Hauptsache man hatte welche. Helga Feddersen, Evelyn Hamann oder Dieter Hallervorden wurden Volksschauspieler nicht trotz oder wegen ihrer unregelmäßigen Gebisse, sondern einfach mit ihnen. Und nicht jedes Kind ging einmal im Monat zum Kieferorthopäden. Heute widersetzt sich Jürgen Vogel wohl als einziges Film- und Fernsehgesicht dem Zwang zum Colgate-Gebiss, alle anderen zeigen inzwischen makellose Keramikfronten und jugendliche Instagram-Stars folgen ihnen nach.

Im Windschatten solcher Schaukasten-Perfektion öffnet sich indessen zunehmend auch die dunkle Seite des Mundes. Die „Regelversorgung“ der Krankenkassen lässt immer weiter nach, und es muss einer gar nicht mehr gänzlich durchs Versorgungsraster fallen, um sich die Vollständigkeit seines Gebisses nicht mehr leisten zu können. So wie auch eine 40-jährige Tätigkeit im öffentlichen Dienst in einer guten Einkommensstufe nicht mehr automatisch ausreicht, um als Rentnerin die Wohnung in einem der besseren Bezirke ohne Zuverdienst halten zu können. Da ändert sich etwas in diesen und den kommenden Jahren, und man muss begreifen lernen, dass es sich dabei nicht um Statistik handelt, sondern um das eigene Leben.

Karma Singh allerdings ist durchaus kein Fatalist. Energisch fordert er seine Zuschauer dazu auf, ihre Erwartung des Mangels im Leben in eine Erwartung der Fülle umzuwandeln und ihren Teil des Kuchens endlich in Empfang zu nehmen. Da habe sich durch die Jahrhunderte die Annahme kolportiert, dass dieses Universum seine Schätze nur für wenige bereithalte, aber das sei natürlich ein Irrtum.

Guter Ansatz. Nur: Kann man einem Menschen mit fehlerhaftem Gebiss in diesen Dingen trauen? Oder sollte man es einfach tun? Die Philosophie der Breitlächler hat den Geldfluss bislang ja eher verengt.

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