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Der Baum wird sein kurzes Dasein in einem überhitzen Wohnzimmer beenden - wehren kann er sich nicht.
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Der Baum wird sein kurzes Dasein in einem überhitzen Wohnzimmer beenden - wehren kann er sich nicht.

Weihnachten

Die dunkle Seite der Heiligen Nacht

  • VonAndré Mielke
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Soll man einen Baum zu Weihnachten mieten? Oder doch die Natur durch Plastik ersetzen? Oder ist die Topftanne ein Kompromiss? In jedem Fall kann sich der Baum nicht wehren. Die Kolumne.

Weihnachtsbäume kann man jetzt auch leihen. Die Düsseldorfer Firma Happy Tree, glücklicher Baum, liefert blutjunge Tannen im Topf, holt sie nach den Feiertagen wieder ab und wildert sie aus. Schön. Mein Freund, der Baum, lebt weiter. Das wohlige Gefühl kostet bis zu 80 Euro. Im vergangenen Jahr wurden 400 Bäume oder ihre Mieter glücklich gemacht, heuer sollen es 3000 sein.

Die Regung ist mir nicht fremd. Jahrelang installierte ich tapfer ein Imitat aus Plastik. Es erschien mir ethisch zweifelhaft, unschuldige Nadelgehölze zu meucheln, sie kurz als Besinnlichkeitsstimulanz zu missbrauchen und ihre sterblichen Überreste dann an den Straßenrand zu werfen. Das war aber nur eine Phase. Die Petrochemie fühlte sich nicht wahrhaftig an. Manche Gäste grinsten fies deshalb. Ich wechselte zurück auf die dunkle Seite der Heiligen Nacht: Die Wegwerftradition wirkt ja doch vergleichsweise nachhaltig. Fast alle Weihnachtsbäume werden kompostiert, verheizt oder an Elefanten verfüttert. Asche zu Asche. Dort, wo sie standen, wachsen neue. Der Bestand der Abies nordmanniana ist nicht bedroht. Und die merken doch nichts?

Der Baum kann nicht korrigierend eingreifen

Das ist die Frage. Ein Sachbuch über „Das geheime Leben der Bäume“ beherrscht seit Wochen die Beststellerliste. Ein Förster erzählt darin vom Wald. Er macht das anschaulich und einfühlsam: Bäume umsorgen und schützen ihre Kinder. Sie kommunizieren per Wood Wide Web. Sie haben Gefühle, schreien quasi vor Schmerz und leisten Trauerarbeit wie sonst nur Margot Käßmann. In ihren Wurzelspitzen könnten sich hirnähnliche Strukturen befinden. So wie bei Menschen mit hirnähnlichen Strukturen. Mit denen geht man ja auch vorsichtig um.

Es ist nicht direkt so wie bei J.R.R. Tolkien, wo Bäume plaudernd aus dem Fangorn-Wald joggen. Aber wer des Försters Buch gelesen und verinnerlicht hat, wird sich hölzernen Geschöpfen schwerlich noch mit Hackebeil oder Fuchsschwanz nähern können, ohne danach einen Psychotherapeuten beschäftigen zu müssen.

So gesehen erscheint die Topftanne als akzeptabler Kompromiss. Leider ist er nicht final durchdacht. Denn selbst eine noch so quicklebendige Jahresenddekorationspflanze kann ihrem Inhaber nicht mitteilen, ob sie es tatsächlich schätzt, winters bei Zimmertemperaturen in einem engen Behälter eingepfercht zu sein. Sie vermag nicht korrigierend einzugreifen, wenn man sie herausputzt wie der Hundefriseur den Königspudel – auf eine Weise also, die ein fühlend Wesen durchaus als entwürdigend empfinden kann.

Dass der letzte deutsche Lametta-Hersteller die Produktion soeben eingestellt hat, ist da nur ein geringer Trost. Die Völlerei, den Geschenketerror, die Schwiegereltern, das alles durchlebt die Topftanne bei vollem Bewusstsein, und wenn sie Pech hat, auch die Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin.

Die Kreatur schreit vor Pein, ganz bestimmt schreit sie. Aber niemand kann sie hören. Zwischen den Jahren sind schon robustere Naturen zerbrochen. Und danach, was ist danach? Wer behandelt das Trauma? Gibt es Integrationswälder, oder wird das hirnähnliche Ding einfach irgendwo in die freie Wildbahn hineingebuddelt? Gutsein muss nicht gut sein. Mein Baum hat es hinter sich. Er ist tot. Er fiel im frühen Morgenrot.

André Mielke ist Autor.

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