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Röhrchen mit Blut und Blutplasma. 

Doping

Die dunkle Seite

Der jüngste Dopingfall betrifft nicht eine Sportart, sondern gleich mehrere. Gegen diese Täter helfen keine Sonntagsreden. Der Leitartikel. 

Die Bilder, die aktuell aus dem österreichischen Seefeld hinaus in die Welt gesendet werden, sind ein Traum. Geschlossene Schneedecken vor dichten Wäldern und Tiroler Gipfeln, dazu Sonnenschein pur – die Nordische Ski-Weltmeisterschaft bietet all das, was auch die Zuschauer in Deutschland so sehr am Wintersport lieben.

Nur hat der weiße Sport Flecken bekommen. Von der „Zerschlagung eines weltweit agierenden Netzwerks“ war die Rede, nachdem Fahnder des österreichischen Bundeskriminalamtes mehrere Langläufer und ihre vermeintlichen Helfer festgenommen hatten. Einer der Sportler hatte die Nadel noch im Arm, als die Polizisten in sein Zimmer stürmten.

Der Sport hat seinen nächsten Dopingskandal, dessen Spuren bis zu einem Arzt im thüringischen Erfurt führen. Wer deswegen überrascht ist, zeigt ein gehöriges Maß an Naivität.

Zu sehr häuften sich in der Vergangenheit die Skandale. Nur einige Beispiele: In Russland hat der Staat mitgeholfen, die eigenen Athleten mithilfe verbotener Substanzen über die persönlichen Grenzen zu katapultieren. Opfer des Zwangsdopings in der ehemaligen DDR leiden noch heute unter den Spätfolgen der Spritzen und Pillen. Auch in der Bundesrepublik wurde systematisch gedopt. Allein im nun erneut unter Verruf geratenen österreichischen Langlaufteam waren bereits bei den Olympischen Winterspielen 2002, 2006 und 2014 Athleten erwischt worden.

Anders gesagt: Die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass Doping im Sport systemimmanent ist. Der jüngste Fall, der bisher nur ein paar Langläufer betrifft, könnte nun das nächste Tor aufstoßen. Sollte es nämlich stimmen, dass von einer Praxis in Thüringen aus Athleten aus diversen Sportarten gedopt wurden, könnte sich die Affäre zu einem der größten Skandale der Sportgeschichte ausweiten. Disziplinübergreifend, über Verbandsgrenzen hinweg.

Erneut offenbart sich in diesen Tagen die dunkle Seite des Sports, die sich aus einem klassischen Zwiespalt nährt: Einerseits gieren die Zuschauer nach Bestleistungen, andererseits sind diese – nicht nur im Wintersport – selbst mit innovativen Trainingsmethoden kaum noch zu erreichen. Zu ausgereizt ist das menschliche Potenzial, zu nah an den natürlichen Grenzen agieren die Körper der Topathleten.

Denen fällt es naturgemäß schwer, dies einzusehen und sich mit einer Position im Mittelfeld zufrieden zu geben. Zu den Erwartungen des Publikums gesellen sich natürlicher Ehrgeiz und schnöder wirtschaftlicher Druck, auch aufseiten der Trainer und Verbände. Denn wer als Profi nicht abliefert oder seine Athleten nicht zu Erfolgen treibt, ist unattraktiv für Sponsoren und Werbepartner. Oder er fliegt ganz raus aus den knapp kalkulierten Förderprogrammen.

Doping wegen der Chancengleichheit freizugeben, ist auch keine Lösung. Wer könnte das gegenüber Kindern, die sich für eine Sportart entscheiden, vertreten? Wie soll das den Athleten erklärt werden, die wirklich nur auf hartes Training setzen?

Die Reflexe, wenn wieder ein Sportler des Dopings überführt wird, sind derweil immer ähnlich. Kollegen und Funktionäre sprechen von bedauerlichen Einzelfällen oder von Versehen, na klar. In Österreich muss der Sportliche Leiter für Langlauf und Biathlon als Bauernopfer herhalten. Der Präsident des Skiverbandes, Peter Schröcksnadel, bleibt im Amt, das er seit 1990 innehat.

Ihrer Verantwortung stellen sich viele Verbände zu wenig. Es muss die Frage erlaubt sein, ob sie wirklich alles in den Kampf gegen Doping investieren. Stattdessen bleibt zu oft der Eindruck, dass Medaillen und Bestleistungen – und damit die Faktoren, die eine Entscheidung fürs Dopen begünstigen – als einzige Kriterien des Erfolgs herangezogen werden.

Eine mögliche Lösung wäre, die Werte des Sports neu zu verhandeln. Schon das Eingeständnis, ein Problem zu haben, wäre jedoch ein wichtiger Schritt. Denn auch, was die Glaubwürdigkeit gegenüber dem Publikum angeht, sind die Kleinrederei und das Verweisen auf Einzelfälle fatal. Die mafiösen Strukturen, die nach den Razzien von Seefeld und Erfurt vermutet werden können, lassen eher den Schluss zu, dass weitere Enthüllungen folgen werden. Und dann helfen auch die schönsten Bilder nichts mehr.

Autor: Sebastian Harfst

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