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AfD-Festspiele im ZDF

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Von: Katja Thorwarth

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Alexander Gauland und Jörg Meuthen von der AfD - gerne gesehene Talk-Gäste.
Alexander Gauland und Jörg Meuthen von der AfD - gerne gesehene Talk-Gäste. © dpa

Nach den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg hinterfragen Medien ihren Umgang mit den Rechten. Und was macht das ZDF? Veranstaltet AfD-Festspiele. Ein Kommentar.

Im öffentlich-rechtlichen Fernsehen scheinen sie ihre Lehren aus den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg gezogen zu haben. „Wir dürfen nicht alles offen aussprechen“, „Wir fühlen uns in unseren Ängsten nicht ernst genommen“, „Wir sind abgehängt“, waren laut Meinungsumfragen angeblich die Hauptgründe, warum Menschen, die alle vermutlich nicht unter der Brücke leben, eine sehr rechte Partei (rechtsradikal, rechtsextrem – suchen Sie sich etwas aus) gewählt haben. Wie nun, die spannende Frage, sollen die Medien damit umgehen? 

Tatsächlich, auch wenn die AfD-Protagonist*innen gerne das Gegenteil unters Anhängervolk jubeln, sind die Rechten medienübergreifend stets präsent. Selbst in der Sommerpause, um nur ein Beispiel zu nennen, bekam AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen Präsenzzeit im prominenten ZDF-„Sommerinterview“, wo er vom Winde verweht und in Wiesen eingebettet den bürgerlichen Verständnispolitiker mimen durfte. 

AfD wird im Ersten während des Wahlabends „bürgerlich“

Es wird also permanent das „Verbotene“ ausgesprochen und gleichzeitig die Gefühlsebene des in Selbstwahrnehmung zum Schweigen verdammten „Volks“ medial als Fakt behauptet. Schon einigermaßen schizophren, doch offenbar scheinen sie jetzt noch eine Schippe drauf legen zu wollen. 

Dass die AfD im Ersten während des Wahlabends als „bürgerlich“ durchrutschte, kann passieren, zumal, wenn man zu sehr darauf fixiert ist, die selbsternannte Opferpartei nicht in die Kategorie einzuordnen, in die sie gehört. Weil sie ja gewählt ist und weil sie so gerne „bürgerlich“ wäre. Damit gibt man halt seinen berufsbedingten Einordnungsauftrag bei der Maske ab. 

Doch es geht noch konsequenter. Nur drei Tage später zeigte das ZDF, dass das Zweite eine Schippe drauflegen kann. Der Sender veranstaltete nämlich am Mittwochabend AfD-Festspiele, die  Bundessprecher Jörg Meuthen bei Dunja Hayali und im Anschluss Alexander Gauland inklusive Hundekrawatte bei Markus Lanz die Bühne bereiteten. Die gelten ja medial weichgespült als sogenannte Vertreter des „gemäßigten“ Flügels, quasi als Gegensatzpaar zu den Rechtsextremen um Björn Höcke, obwohl sie die verschwörungstheoretische „Umvolkung“ genauso gut können. 

Jörg Meuthen darf sich als „konservativ“ zeichnen

Zunächst durfte sich Meuthen bei Hayali „konservativ“ zeichnen, der mit dem allumfassenden „wir“ den sympathischen Erkläronkel aus der „Wissenschaft“ mimte und die Gesamt-AfD gleich mit meinte. Als Vater von fünf Kindern und ehemaliger FH-Dozent schien er über jede Inkompetenz erhaben, obwohl er neben Unfug – „Windkrafttechnologie“ sei das meist „naturzerstörendste“ ever – durchaus auch Parteiposition bezog. Teils subtextuell, wie beim Thema Bildung bezüglich einer „ganz differenzierten Beschulung“ (übersetzt: AfD-definierte Elite-Separation), teils offen, weil offensichtlich Hauptanliegen der AfD-Wähler, beim Thema Einwanderung: „Wir wollen die Integration nicht. Wir halten davon nichts, wir brauchen das auch nicht.“ Wussten wir vorher schon, aber gut, dass Meuthen seine Wähler diesbezüglich im ZDF noch einmal in Sicherheit wiegt. 

Zwar musste er sich mit drei durchaus eloquenten und kompetenten Leuten vom Fach auseinander setzen, die ihn alle inhaltlich in die Tasche steckten. Das registrieren positiv aber nur die, die sich in Punkto ‚Faktenfeindlichkeit der AfD‘ sowieso einig sind. Alle anderen wandeln mit Meuthen im Tal der Ahnungslosigkeit, weil es, auch wenn das jetzt viele nicht gerne lesen, den meisten AfD-Wählern hauptsächlich um das Kernthema der AfD geht: nämlich um deutsche Heimat und privilegiertes Deutschsein im Blut-und-Boden-Sinne. Alles andere sind Randnotizen. 

AfD im Wohnzimmer - analog zum röhrenden Hirsch

Das kann ein solches Format gar nicht aufdecken, stattdessen bietet es Meuthen die Möglichkeit, sämtliche Keywords und Kernthesen im Gewand des Oberstudienrats an prominenter Stelle unters TV-Volk zu kommunizieren. Dank ARD und ZDF ist die AfD in den Wohnzimmern angekommen, weil sie da hingehört, analog zum röhrenden Hirsch.

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Und Dunja Hayali? Die schien zwanghaft darauf bedacht, Meuthen als Person von seiner Partei abzuspalten, obwohl dieser das „wir“ selbst eingeführt hatte. Ist das jetzt die mediale Neutralität? Jeden Nebenkriegsschauplatz, beinahe jede Unzulänglichkeit laufen zu lassen, und nicht auf Steilvorlagen adäquat zu reagieren? Spätestens beim Thema Integration wäre es ein Leichtes gewesen, die Widersprüche aufzuzeigen und die AfD als die rechtsextreme Partei zu entlarven, die sie ist. Ist es das, was alle unter „mit Rechten reden“ verstehen? 

Wer noch nicht bedient war, konnte sich bei Markus Lanz einen Nachschlag holen. Dort durfte sich Alexander Gauland scheinbar verbürgerlicht positionieren, wobei er tatsächlich Gegenwind erfuhr – und zwar von Lanz. Aber reicht das? Lanz räumte Gauland von seiner 75-Minuten-Sendung entspannte 50 ein, wobei er insgesamt vier Gäste hatte. Das alleine demonstriert die Bedeutung, die dem Sprecher einer Rechtsaußenpartei zuteil wird. 

AfD wird als rechtsextrem eingestuft

Zur Einordnung: Die AfD wird mittlerweile von Experten als teils rechtsextrem eingestuft, der Verfassungsschutz prüft weiter (obwohl er nicht mehr von „Prüffall“ sprechen darf). Was meint denn dieses „teils“? Der rechte Arm ist bäh, aber das rechte Bein ist ok? Die Gemeinsamkeiten und personellen Überschneidungen mit den „Identitären“ als auch mit der NPD sind belegt, veröffentlicht, bekannt. Die Leute wählen den Laden trotzdem. Welchen Grund also hat dieses mediale Mitspielen lassen bei einer Partei, die bei Machtzuwachs ihre Spielpartner sowieso austauscht? 

Es kann keinen medial neutralen Umgang mit der AfD geben, wie es auch keinen neutralen Umgang mit der NPD gegeben hat. Nur kommen Erstere halt nicht mit weiß geschnürten Springerstiefeln daher. Beiden ist der Kampf gegen eine offen-freie Gesellschaft und Emanzipation mit den Mitteln der Ausgrenzung und verschwörungstheoretischen Menschenverachtung implizit. 

Vielleicht sollte man über die Anregung von Philipp Ruch (Zentrum für politische Schönheit) nachdenken, der generell alle Politiker in den Talkshows durch Experten ersetzen würde. Gute Idee, aber solange die noch nicht umgesetzt ist, sollten insbesondere die Öffentlich-Rechtlichen einem Rechtsextremen nur dann eine Bühne geben, wenn ein entsprechendes Gegenüber ebendiese gleichzeitig auch bekommt.

Dann muss eine Hayali auch nicht zwanghaft auf Pseudo-Neutralität machen und ihre Gäste noch abschließend fragen: „Was wünschen Sie sich von der AfD?“ Eventuell, dass sie nicht rechtsextrem ist? Aber dann kann sie sich halt auch auflösen. 

Indes arbeiten CDU und AfD nun zusammen: in Frankenstein in Rheinland-Pfalz. 

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