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Der Hunger in den ärmsten Ländern der Welt darf nicht schön gerechnet werden.
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Der Hunger in den ärmsten Ländern der Welt darf nicht schön gerechnet werden.

Vereinte Nationen

Die UN dürfen die Welt nicht schön rechnen

Das Recht auf Nahrung ist wohl das am häufigsten verletze Menschenrecht, doch trickreich wurde die Zahl der Hungernden gesenkt. Das darf nicht sein. Sonst werden wir dafür teuer bezahlen. Der Gastbeitrag.

Von Uwe Kekeritz

Der diesjährige Welternährungstag steht ganz im Zeichen der vermeintlich großen Erfolge im Kampf gegen Hunger und Armut. Das wurde Anfang September deutlich, als die Vereinten Nationen die Nachhaltigkeitsziele verkündeten. Die Weltgemeinschaft war in Feierlaune: die Unterernährung habe sich halbiert – jedenfalls beinahe.

Doch wie schon Churchill bemerkte: Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Auf dem Welternährungsgipfel 1996 in Rom propagierten die Vereinten Nationen (UN) noch die Halbierung der absoluten Zahl der Hungernden. Durch die heftige Finanzkrise Ende der 90er Jahre stieg der Hunger aber an. Seit 2000 sollte deshalb nur noch der weltweite relative Anteil der Hungernden halbiert werden. Die statistischen Zauberkünstler wussten sehr wohl, dass auch dies nicht ausreichen würde. Deshalb verlegte man das Vergleichsjahr von 1996 auf 1990 vor und bezog sich nur noch auf Entwicklungsregionen, die ein großes Bevölkerungswachstum aufweisen. Der Anteil der Hungernden reduziert sich von alleine, solange die Wachstumsrate der Hungernden kleiner ist, als die der Gesamtbevölkerung. Fortschritt sieht anders aus. Gleichzeitig profitierte die Statistik von den enormen chinesischen Erfolgen bei der Bekämpfung des Hungers in den 90er Jahren.

Die Finanzkrise von 2008 bis 2011 verschärfte die Situation wieder dramatisch, da die Nahrungsmittelpreise extrem stiegen. Damit rückte selbst das Ziel den relativen Anteil der Hungernden zu halbieren wieder in weite Ferne. Wie konnte der Kampf gegen den Hunger trotzdem zur Erfolgsgeschichte werden? 2012 änderte die UN-Organisation für Ernährung (FAO) ihre Methodik zur Erhebung und Definition von Unterernährung.

Als unterernährt gilt seitdem nur noch, wer über ein Jahr die für einen bewegungsarmen Lebensstil täglich nötige Energiemenge von 1800 Kilokalorien nicht aufnimmt – körperliche Arbeit ist nicht vorgesehen. Fehlende Vitamine, Proteine und Mineralien sind der Statistik egal. Auch kürzere Hungerperioden werden nicht erfasst, obwohl sie ebenso verheerend sein können – besonders für Kinder und Schwangere, die durch Mangelernährung irreparable Schäden erleiden können. Diese „verbesserte Methodik“ reduzierte die Zahl der Hungernden schlagartig. So kam man durch faule Tricks 2015 dem Ziel den Hunger zu halbieren näher.

Da Hunger meist mit Armut einhergeht, war es folgerichtig beide Aspekte in den Blick zu nehmen. 1985 galt als arm, wer weniger als einen Dollar pro Tag zur Verfügung hatte. Die Weltbank hob jüngst die extreme Armutsgrenze auf nun 1,90 Dollar an. Das war angesichts steigender Lebenshaltungskosten ein überfälliger Schritt. Diese Anhebung war eine faktische Absenkung der Armutsgrenze. Ein Dollar des Jahres 1985 wäre heute nicht 1,90 sondern mindestens 2,10 Dollar wert. Durch statistische Kniffe lassen sich auch Armutsziele leicht erreichen. Aber auch die UN sollte Elend nicht schönrechnen.

Das Recht auf Nahrung ist wohl das am häufigsten verletze Menschenrecht. Daher bezeichnet der frühere UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler, den Hungertod als Mord. Könnte der politische Wille mobilisiert werden, würde zumindest dieses unnötige Leiden weitgehend der Vergangenheit angehören. Damit das gelingt braucht es im Kampf gegen den Hunger und Armut endlich eine ehrliche, klare Analyse. Der Professor für Philosophie und Globale Gerechtigkeit Thomas Pogge von der Yale Universität fordert deshalb zu Recht ein von den UN-Institutionen unabhängiges Expertengremium. Dieses muss die Berechnung von Hunger und Armut mit transparenten Methoden vornehmen. Erfolgsmeldungen sollten nicht politisch interessensgeleitet sein.

Die Entwicklungspolitik der G7-Staaten und damit auch Deutschlands setzt beim Kampf gegen Hunger fatalerweise auf die industrielle Landwirtschaft. Agrarkonzerne wie Monsanto, Syngenta, Bayer und Co. reiben sich die Hände, da Initiativen wie „New Alliance for Food Security and Nutrition“ unter dem Deckmantel des Kampfes gegen Hunger für sie bisher unerschlossene Märkte auch mit Hilfe von Steuermitteln öffnet. Konkurrenzlos billige, subventionierte Fleischreste und Milchüberschüsse zerstören die Existenzen lokaler Produzenten. Der Zugang zu nutzbarem Land wird zunehmend erschwert und Landraub für Großprojekte nimmt zu. Das birgt Konfliktpotential. Der Flächenhunger für Futtermittel und andere Importe sind dafür mitverantwortlich. Gleichzeitig verschärft sich die Lebenssituation der Betroffenen: die Biodiversität schrumpft, die Abhängigkeit der Kleinbauern von multinationalen Konzernen nimmt zu und der Klimawandel erschwert die Situation zusätzlich dramatisch. In der Folge werden Menschen zur Flucht getrieben.

Wenn die Regierung Merkel Fluchtursachenbekämpfung ernst nehmen würde, müsste sie auch massiv Hunger und Armut bekämpfen. Notwendig wäre eine dezentrale, auf biologischen Prinzipien beruhende Landwirtschaft, die die wirtschaftliche Unabhängigkeit gewährleistet, die Artenvielfalt fördert und regionale Wirtschaftskreisläufe unterstützt.

Noch immer hungern über eine Milliarde Menschen. Rechnet man den versteckten Hunger dazu, der auf Mangelernährung basiert und auch nicht mit täglich 1,90 Dollar verhindert werden kann, summiert sich die Zahl auf skandalöse zwei Milliarden oder sogar deutlich mehr Menschen. Unsere Erde kann uns alle ernähren. Nicht zu handeln kommt uns teuer zu stehen.

Uwe Kekeritz ist Sprecher für Entwicklungspolitik der Grünen-Bundestagsfraktion.

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