Leitartikel zum Zustand des Kosovo

Dubiose Gestalten der Macht

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Korruption? Organhandel gar? Bei näherem Hinsehen ist das Kosovo durchaus nicht ein einziges Räubernest. Der Westen hat die so mächtigen wie erpressbaren Figuren selbst gezüchtet.

Was für ein Zufall: Kaum ist die Wahl vorbei, ergießt sich die Büchse der Pandora über den Sieger Hashim Thaci. Die europäische Rechtsstaatsmission Eulex lässt zwei prominente Veteranen verhaften, die dem Premier nahestehen, und der Sonderberichterstatter des Europarats veröffentlicht einen unerhörten Bericht über den starken Mann des Kosovo. Auch der Verkehrsminister muss jetzt mit der fälligen Anklage wegen Korruption rechnen.

Wenigstens im Fall der Eulex-Ermittlungen ist klar, wer die Regie über das merkwürdige Timing führt: die „Quint“, wie die Botschafter der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Italiens und Deutschlands im Kosovo genannt werden. Die heimlichen Herren des angeblich unabhängigen Staats folgen einer eigenen Logik. Sie wissen, dass sie es bei der herrschenden Partei im Land mit höchst fragwürdigen Figuren zu tun haben. Aber sie wollen sie nicht loswerden. Sie wollen sie vielmehr in Schach halten.

Über Hashim Thaci kursieren seit langem schlimmste Gerüchte. Ein Bericht des BND präsentiert den Parteichef als „Kopf der Mafia“. In zehn Jahren hat niemand die erheblichen Vorwürfe gegen Thaci gründlich untersucht, und das, obwohl erst die UN und heute Brüssel in der Justiz alle Fäden in der Hand halten. Niemand hat sich auch je gefragt, wie der ominöse BND-Bericht ins Internet kommt. Nicht einmal die ungeheuerlichen Anschuldigungen des Sonderberichterstatters Dick Marty, dass der Wahlsieger tief in Organhandel involviert sei, müssen Thaci das Amt kosten. Eine kriminalistische Untersuchung ersetzt der Bericht nicht, und belastbare Beweise präsentiert Marty keine.

Dahinter steht ein Muster, das der frühere Kosovo-Sondergesandte Sören Jessen-Petersen eingeführt hat. Er machte in dem Rebellenführer Ramush Haradinaj einen Mann zum Regierungschef, den er auf einen Wink hin ins Gefängnis nach Den Haag befördern konnte. Beide ergänzten einander vortrefflich: Der eine nutzte seine beträchtliche informelle Macht, um die Anweisungen des anderen umzusetzen. Sich so mächtige wie erpressbare Figuren heranzuzüchten, ist allemal leichter, als funktionierende Institutionen aufzubauen.

Das Muster ist das koloniale. Schon die Vizekönige des britischen Empire standen vor dem Dilemma, ein Land regieren zu müssen, das sie nur schwer verstanden und in dem sie schon gar keine operative Gewalt ausüben konnten. Um sich dennoch durchzusetzen, verbündeten sie sich mit allen, die Macht versprachen, und konzentrierten sich auf den überschaubaren Job, die lokalen Machthaber zu kontrollieren. „He may be a son of a bitch, but he is our son of a bitch“ – ein Schweinehund, aber wenigstens unser Schweinehund –, mit diesem Grundsatz schafft es seit jeher auch der Weltpolizist USA, auf der Erde Ordnung zu halten. Was sie auf diese Weise erreichen, nennen Diplomaten „Stabilität“.

Für das Kosovo und ganz Südosteuropa sollte eigentlich ein anderes Muster zur Anwendung kommen: das demokratische. Aber dessen Risiken wollen die Westmächte im Kosovo nicht wirklich tragen. Tatsächlich kann niemand garantieren, dass die dubiosen Machthaber in der Region ohne heimliche Stützung durch die Amerikaner und die großen EU-Staaten tatsächlich von der Bildfläche verschwänden. Freie Wahlen sind immer riskant. Dass die Wahlen überhaupt frei wären, ist unwahrscheinlich, wie der vergangene Sonntag gezeigt hat. Aber erst wenn die Bandenchefs den internationalen Rückhalt verlieren, haben die Kosovaren wirklich die Chance, ihre Quälgeister loszuwerden. Par ordre de mufti ist noch keine Demokratie entstanden. Das Schicksal der einstigen Kolonien, die am Ende dann korrupten Cliquen in die Hände fielen, schreckt ab.

Und bei näherem Hinsehen ist das Kosovo durchaus nicht ein einziges Räubernest. Der Verdruss über die Selbstbedienungsmentalität der Mächtigen wächst von Monat zu Monat. Eine ganze Generation hat durch Flucht Bekanntschaft mit rechtsstaatlichen Verhältnissen gemacht und führte gern westliche Zustände auch zu Hause ein. Sogar in den Parteien hocken ehrliche, gut ausgebildete Leute und warten heimlich darauf, dass ihre Chefs verschwinden.

Eine Ahnung davon hat sich unter den Diplomaten inzwischen breitgemacht. Im Vorfeld der Wahl haben sie sich nicht eingemischt. Aber wenn jetzt Chaos ausbricht, werden, ja müssen sie in alte Unsitten verfallen. Weil sie letztlich für „Ruhe“ zu sorgen haben, bleibt ihnen nichts übrig, als die Leine wieder anzuziehen.

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