Kolumne

Im Dschungel des Alltags

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Man kommt ins Grübeln, wenn die guten Vorsätze an Sechsjährigen scheitern. Was ist dann zu tun?

Das Leben steckt voller Widersprüche, man verheddert sich andauernd darin. So geht’s jedenfalls mir. Da beschenkt man Kinder in der nahen und fernen Verwandtschaft mit wohlausgesuchten Büchern, weil nichts so sehr bildet wie das Lesen. Und kaum hat man zwei über Nacht zu Besuch, damit die Eltern ein freies Wochenende haben, gibt man entnervt ihrem Verlangen nach, auf dem I-Pad dümmliche Trickfilme zu sehen, um die Herumtollerei effizient zu beenden. Politisch konsequent zu handeln sollte zwar leichter sein, als sich an seine eigenen pädagogischen Prinzipien angesichts ausgeflippter Kids zu halten. Ist aber auch nicht unbedingt der Fall.

Zur guten Etikette etwa gehört heutzutage das Bekenntnis zur Flugscham. Was mir nicht schwerfällt, da das Bahnfahren gleich hinter dem Fahrradfahren zu meinen Lieblingsfortbewegungsmitteln zählt. Nur, wirklich geniert habe ich mich nicht beim Buchen des billigsten Fliegers für meine geplante Reise zu den Wahlen in Israel. Ohne Greta Thunbergs transatlantischem Segeltörn wäre mir nicht mal die Idee gekommen, man könnte es ja auch per Schiff versuchen. Vielleicht nächstes Jahr.

Dieses Jahr habe ich den in Berlin wieder übermäßig sonnigen Sommer mit warmen Spätabenden an der Spree genossen. Wohl wissend, dass die Ursache für das sich ausbreitende mediterrane Lebensgefühl in Mitteleuropa eine bedrohliche ist. Peinlicher noch ist in der Rückschau, wie wir im Freundeskreis vor zwanzig, dreißig Jahren, als die Warnungen vor dem Klimawandel die ersten medialen Runden machten, unbekümmert witzelten, eine zwei, drei Grad höhere Durchschnittstemperatur käme uns gerade recht.

Gut gelaunt blickten wir der Katastrophe entgegen, vor der Wissenschaftler schon damals warnten. Den Ernst der Lage haben uns ja erst sintflutartige Unwetter, Bäume ausreißende Stürme und in Feuerbällen auflodernde Wälder vor Augen geführt. Andererseits, in Weltuntergangsstimmung zu schwelgen, hilft keinem. Dann doch lieber das schlechte Gewissen beim Schönwettergenuss mit ein paar umweltfreundlichen Vorsätzen kompensieren. Weniger Fleisch, mehr regionales Obst und Gemüse vom Erzeugermarkt. Kein Ei aus der Legebatterie und schon gar keine Wegwerfmode. Und das ab sofort, aber bitte konsequent!

So viel Mühe macht es schließlich nicht, zumindest als Konsumentin klimabewusste Prinzipien zu befolgen. Eher sogar Spaß. Wegen mir kann alles, was Treibhausgase ausstößt, teurer gemacht oder besser noch ganz aus dem Verkehr gezogen werden. Wobei ich mir vermutlich schnell noch ein paar Dosen Haarspray auf Vorrat holen würde. Das Zeug ist zwar verzichtbar, trotzdem greife ich an „Bad Hair Days“ wie ein Junkie danach, um widerspenstige Strähnen zu zähmen. Wie gesagt, widerspruchsfrei ist mein Alltag nicht, wahrscheinlich auch nicht der Ihre.

Ein wenig Nachsicht ist doch menschlich! Auch wenn die eigentlich fehl am Platz war, als unser sechsjähriger Gast unbedingt ein Schlumpfeis wollte. Auf welchem Geschmacksträger die türkisblaue Kugel denn basiere, wollte ich wissen. Na, auf Chemie, entgegnete die Eisverkäuferin. Die Sechsjährige, ausgestattet mit enormem Eigenwillen, ließ sich ihre Wahl nicht vermiesen. Wäre schön, sie setzte ihre Durchsetzungskraft in ein paar Jahren a la Greta zur Rettung der Welt ein, überlegte ich im Stillen. Ein hoffnungsvoller Gedanke, der nahelegt, vorerst selber mehr zu tun.

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