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Die Tempelberg-Krise in Jerusalem hatte in den vergangenen Tagen die Gewalt zwischen Israelis und Palästinensern eskalieren lassen. Als Auslöser der Unruhen galt die Installation von Metalldetektoren am Tempelberg, der Muslime und Juden heilig ist.

Nahost

Es droht ein Flächenbrand

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Benjamin Netanjahu kann die Gewaltspirale stoppen. Dafür muss der israelische Premier die verschärften Kontrollen am Tempelberg aufgeben. Der Leitartikel.

Der Klügere gibt nach, sagt man gemeinhin. In der aktuellen Krise um den Jerusalemer Tempelberg wäre eine Rücknahme der verschärften Einlasskontrollen wie die von Israel installierten Metalldetektoren wohl der einzig gangbare Weg, um die aufgebrachten Gemüter der Palästinenser zu besänftigen.

Zu oft schon hat sich an der hochsensiblen heiligen Stätte, die im Zentrum des Zwei-Völker-Konflikts steht, eine Eskalation entzündet, die von keiner Seite mehr beherrschbar war. Das trifft auf die Tunnelunruhen, die sich 1996 an der Eröffnung der unterirdischen Gänge nahe des Tempelbergs entfachten, genauso zu wie auf die Al-Aksa-Intifada vier Jahre später, die nach einem provokativen Besuch des damaligen israelischen Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem Moscheegelände ausbrach. Auch die Gewaltwelle vor knapp zwei Jahren begann mit Zusammenstößen auf jenem von Moslems wie Juden verehrten Heiligtum.

Netanjahu handelte ohne Rücksprache mit Anti-Terrorexperten

All das muss Premier Benjamin Netanjahu bewusst gewesen sein, als er nach dem Mordanschlag dreier arabischer Israelis auf zwei Grenzpolizisten vor zehn Tagen rigide Sicherheitsmaßnahmen verhängte, ohne zuvor Rücksprachen mit seinen Anti-Terrorexperten zu treffen. Die zuständigen Behörden stellte er vor vollendete Tatsachen.

Warnungen aus dem Inlandsgeheimdienst, Metalldetektoren an den Zugängen zum Plateau mit Al-Aksa-Moschee und Felsendom würden nur die palästinensische Wut unnötig anheizen, schlug Netanjahu in den Wind. Ihm ging es darum, den Nationalrechten im Kabinett zu imponieren, die nach einer Politik der harten Hand verlangten.

In der Rückschau lässt sich die weitere Entwicklung als Chronik einer vorhergesagten Eskalation beschreiben. Tausende Palästinenser folgten dem Aufruf des Wakf, der islamischen Verwaltungsbehörde, sich der neuen Sicherheitsprozedur zu verweigern, von Besuchen auf dem Haram-Al-Scharif, wie sie den Tempelberg nennen, Abstand zu nehmen und sich stattdessen zu Protestgebeten in den Gassen der Altstadt von Jerusalem zu versammeln. Nicht nur fromme Moslems machten mit, sondern auch jene, die mit Religion wenig am Hut haben, aber Al Aksa als nationales Symbol betrachten.

Gerüchte schaukeln die Stimmung hoch

In den sozialen Medien schaukelte sich die Empörung, durchmischt mit Hasstiraden auf die israelischen Besatzer, weiter hoch. Gerüchte kursierten, jüdische Fundamentalisten, die in der Regierung Netanjahu sitzen, wollten einen Teil des Moscheegeländes nach dem Modell von Hebron für sich abtrennen. Es kam, wie es unter diesen unguten Vorzeichen kommen musste. Nach Ende der Freitagsgebete und auch noch am Wochenende entbrannten in arabischen Stadtteilen Jerusalems wahre Straßenschlachten. Vorläufige Bilanz: mehrere palästinensische Tote und über 400 Verletzte.

Der eigentliche Schock für die Israelis folgte Freitagabend, als ein junger Palästinenser in der Westbank-Siedlung Halamisch in eine Wohnung eindrang und vier Menschen niedermetzelte, die im Familienkreis beim Sabbatdinner die Geburt eines Enkels feiern wollten. Drei von ihnen starben, der Großvater und zwei seiner erwachsenen Kinder, seine Ehefrau überlebte schwer verletzt. Attentate auf Siedler hat es immer wieder gegeben. Aber in diesem Fall hatte der 19-jährige Attentäter aus dem Nachbardorf seine Bluttat neunzig Minuten zuvor auf Facebook angekündigt. Er liebe das Leben, habe jedoch angesichts der Spannungen um Al Aksa sein Messer geschärft, bekannte er dort, um Rache zu nehmen.

Inzwischen hat sich die Tempelberg-Krise zu einem riesigen Ballon aufgeblasen. Die Arabische Liga wirft Israel vor, mit dem Feuer zu spielen. Der palästinensische Präsident Mahmud Abbas hat erstmals sämtliche Kontakte, inklusive der Sicherheitskoordination mit den Israelis, auf Eis gelegt. Ein Schritt, mit dem er nicht zuletzt seinen fortschreitenden Popularitätsverlust aufzuhalten versucht. Der bisherige Informationsaustausch zwischen palästinensischer Polizei und israelischer Armee kam selbst bei seinen Anhängern nie gut an, so sehr Abbas international dafür gelobt wurde.

Am heutigen Montag will zudem der UN-Sicherheitsrat in New York die Geschehnisse beraten. Viel wird dabei nicht herauskommen, außer den bekannten Appellen an beide Seiten zur Mäßigung. Entschärfen lässt sich die Lage nur vor Ort.

Netanjahu wird zurückrudern müssen, wenn er den drohenden Flächenbrand verhindern will. Die Experten von Schin Beth und Militär empfehlen dies ausdrücklich. Nach ihrer Einschätzung ist die Gefahr, dass sich Gewalt zum Selbstläufer entwickelt, um einiges größer als der Abbau der kontroversen Metalldetektoren, die ohnehin in der verwinkelten Altstadt mit ihren Schleichwegen keine Garanten gegen das Einschmuggeln von Waffen sind. Zu diesem Zweck eignen sich besser hochmoderne Überwachungskameras.

Netanjahu möchte zwar nicht dastehen als einer, der vor Protesten kapituliert. Aber von seiner politischen Vernunft hängt nun alles ab. Wie gesagt, der Klügere gibt nach, in diesem Fall wäre es auch der Mächtigere.

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