Homeschooling und Homeoffice

Doppelbelastung nicht länger hinnehmen!

Wir sind einer Katastrophe im Bildungssystem nicht fern, wenn das neue Kita- und Schuljahr genauso beginnt, wie das letzte aufgehört hat. Der Gastbeitrag.

In vielen Bundesländern hat der Kita- und Schulalltag mit entsprechenden Abstands- und Hygieneregeln nach den Sommerferien wieder begonnen. In Hessen öffnen Schulen und Kitas vom heutigen Montag an ihre Türen für Kinder und Jugendliche. Erwerbstätige Eltern haben zu dem Zeitpunkt coronabedingt bereits eine monatelange Doppelbelastung zwischen Kinderbetreuung und im besten Fall Homeoffice hinter sich.

Das bedeutet: Das bestehende Betreuungsvakuum verschlechtert nicht nur die Bildungschancen für Kinder und Jugendliche, es belastet auch enorm Eltern – nicht nur erwerbstätige. Unternehmer sehen sich mit Beschäftigten konfrontiert, die aufgrund der fehlenden Kinderbetreuung nicht hundertprozentige Leistung zeigen können. Kein Wunder: Homeschooling und Homeoffice klappt einfach nicht gleichzeitig!

Unser Verband der Familienunternehmer hat in einer aktuellen bundesweiten Mitgliederumfrage festgestellt, dass Beschäftigte in 58 Prozent der Betriebe wegen der Kinderbetreuung nicht oder nur eingeschränkt einsetzbar sind. Hinzu kommt, dass der Betriebsablauf bei der Hälfte dieser Firmen dadurch beeinträchtigt ist. Zehn Prozent berichten sogar von erheblichen Beeinträchtigungen.

Alarmierend ist, dass sich die eingeschränkte Verfügbarkeit der Eltern bemerkbar macht, obwohl sich die Beschäftigten in fast allen betroffenen Unternehmen in Kurzarbeit befinden. Das zeigt: Sowohl Unternehmen als auch Beschäftigte brauchen Orientierung und Planungssicherheit mit Blick auf Kinderbetreuung.

Der Normalbetrieb bleibt eingeschränkt, solange keine langfristigen Lösungen für Kinder und Jugendliche bestehen. Im Umkehrschluss: Solange Bildungseinrichtungen keine verlässliche Versorgung ermöglichen, findet auch kein wirtschaftlicher Aufschwung statt.

Wenn demnächst alle Bundesländer aus den Sommerferien zurück sind, wird sich zeigen, wer sich wirklich mit Konzepten für einen geregelten Kita- und Schulalltag – trotz Corona-Krise – auseinandergesetzt hat und wer nicht. Das hessische Kultusministerium hat zwar einen Corona-Hygieneplan für die Schulen erstellt und auf steigende Infektionszahlen sei es vorbereitet. Das Ministerium rechnet aber in einem solchen Fall zugleich mit Einbrüchen des Regelbetriebs.

Es braucht daher konkrete Maßnahmenkataloge und Verantwortliche für alle denkbaren Szenarien: Normalbetrieb, hybrider Unterricht und digitales Homeschooling, so dass die Wissensvermittlung und Betreuung möglichst unabhängig vom Infektionsgeschehen aufrechterhalten werden kann. Wir sind einer Bildungskatastrophe nicht fern, wenn das neue Kita- und Schuljahr genauso beginnt, wie das letzte aufgehört hat.

Die Corona-Krise hat im Bildungssystem abgesehen von mangelnden Managementfähigkeiten das Fehlen der Kompetenzen und der Infrastruktur für digitale Lernkonzepte aufgedeckt. Wir hinken bei der Digitalisierung in Schulen hinterher.

Dabei sollte der 2019 von Bund und Ländern beschlossene Digitalpakt Abhilfe schaffen. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, diesen mit Hilfe der zusätzlich versprochenen Mittel durch die Länder zielgerichtet und sofort in Schulen umzusetzen. Zudem gilt es, zentrale Plattformen und Clouds schnell einzurichten sowie diese großflächig nutzbar zu machen. Parallel muss die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften in Hinblick auf digitale Lernformate mit Hochdruck vorangetrieben werden.

Umsatzrückgänge, Auftragseinbrüche und Lieferengpässe – das prägte den Alltag vieler Unternehmen in den vergangenen Monaten. Viele Unternehmen befinden sich weiterhin in schwerem Fahrwasser. Auch weil Beschäftigte aufgrund von Kinderbetreuung ihrer Erwerbstätigkeit nicht vollständig nachgehen konnten. Schon die kleinste Veränderung des Infektionsgeschehens kann den ohnehin nur eingeschränkten Regelbetrieb von Schulen und Kitas wieder völlig ins Stottern bringen. Dann wären nicht nur erwerbstätige Eltern, sondern auch ihre Arbeitgeber aufgeschmissen.

Es ist gut, dass Schulen und Kindergärten in Hessen wieder für alle Kinder und Jugendlichen geöffnet werden. Dennoch ist Skepsis angebracht, dass binnen kurzer Zeit räumlich, technisch und inhaltlich differenzierte Angebote bereitstehen, wenn die Infektionszahlen in einigen Kommunen und Kreisen wieder steigen sollten.

Die Pandemie wird unseren Alltag vermutlich längerfristig beeinträchtigen. Deshalb muss die Bildungspolitik jetzt jede Minute nutzen, um die Versäumnisse der Vergangenheit aufzuholen.

Dirk Martin ist Landesvorsitzender des Verbands der Familienunternehmer in Hessen.

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