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Bei Trumps Besuch im Jahr 2018 schwebte der sechs Meter hohe Ballon „Baby Trump“ als Protest gegen Trump über dem Parliament Square in London.

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Trump und die Briten: Demütigung hoch zwei

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Man darf sich nicht wundern, warum keiner nach Trumps Äußerungen eine eklatante Verletzung diplomatischer Gepflogenheiten anprangerte. Ein Kommentar.

In der politischen Debatte Großbritanniens ist seit Wochen viel von Demütigung die Rede, und immer geht es um den Brexit. Auf der politischen Linken wird dafür etwas diffus die konservative Regierungspartei und die scheidende Premierministerin Theresa May verantwortlich gemacht. Deren Sturheit und Handlungsunfähigkeit sei dem Land nicht angemessen, also irgendwie demütigend. Auf der politischen Rechten besteht Klarheit über Opfer und Täter: Großbritannien werde von den Partnern für seinen Willen zum EU-Austritt bestraft durch einen einseitigen, von Brüsseler Bürokraten diktierten Unterwerfungsvertrag. Die vereinbarte Milliarden-Zahlung in die Gemeinschaftskasse sei ungerechtfertigt, die Auffanglösung für Nordirland gefährde die Souveränität des Vereinigten Königreiches.

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Das Narrativ war erfolgreich. Sture EU-Feinde brachten den Vertrag im Unterhaus so lange zu Fall, bis May aufgab. Und bei der Europawahl unterstützten immerhin mehr als fünf Millionen Briten die Brexit-Partei des notorischen Nationalpopulisten Nigel Farage, machten sich also dessen Forderung nach einem chaotischen Austritt ohne jede Vereinbarung – den „No Deal“ – zu eigen. Alle Argumente, dass nach dem Crash sofort neue Verhandlungen beginnen müssten, dann aber von außerhalb des Clubs, verhallen ungehört. Hauptsache, die vermeintliche Demütigung und Souveränitätseinschränkung werden getilgt.

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Vor diesem Hintergrund darf man sich darüber wundern, warum am Wochenende keiner der Souveränitäts-Schreihälse eine eklatante Verletzung diplomatischer Gepflogenheiten anprangerte. Vor seinem Staatsbesuch bekräftigte US-Präsident Donald Trump seine Meinung: May hat schlecht verhandelt, ein „No Deal“-Brexit wäre ganz toll, als britischer Verhandlungsführer wäre Farage, als nächster Premierminister Boris Johnson geeignet. Wenn man das vielstrapazierte Wort nochmal verwenden will; Bei dieser Einmischung in die Politik eines befreundeten Landes war der Begriff Demütigung gewiss angemessen. Von Farage, von Johnson, von ihren Freunden in den Medien dazu kein Wort. Ein jämmerliches Bild.

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Bei der Pressekonferenz am Dienstag könnte May zum ersten und letzten Mal in ihrer unglückseligen Amtszeit Format zeigen und dem unverschämten Besucher mit ein paar klaren Sätzen über die Grenzen transatlantischer Einmischung den Kopf waschen. Die Erfahrung lehrt: Es wird wohl nicht dazu kommen. Und wer das demütigend findet, für die Politikerin und ihr stolzes Land, hat nicht einmal Unrecht.

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