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Der Dodo war ein flugunfähiger Vogel, mehr als gänsegroß.

Kolumne

Dodos Rückkehr

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Mit dem ausgestorbenen Tier wird eine Ikone wiederbelebt. Ein Museum zeigt, wie das Tier aussah. Nun steht es für den Brexit und die Borniertheit der Waffenlobby.

Wenn eine Maus nicht mehr zappelt, ist sie tot. Mausetot. Das Wort hat wohl nichts mit der Maus selbst zu tun. Denn eigentlich bewegt sich kein Tier mehr, wenn es tot ist. Da haben die Briten sprachlich doch etwas mehr Treffgenauigkeit. Dead like a Dodo, tot wie ein Dodo. Das hat einen klaren Hintergrund.

Der Dodo war ein flugunfähiger Vogel, mehr als gänsegroß. Er wurde 1598 bekannt und hundert Jahre später war er bereits ausgerottet. In seiner Heimat, der Insel Mauritius, machten die Seefahrer Jagd auf ihn. Der Dodo war leichte Beute. Feinde und Fluchtdistanz kannte er nicht, man konnte ihn einfach niederknüppeln.

Nun ist das ein Schicksal, das manch andere Tierart mit ihm teilt. Der Dodo aber erhielt seinen festen Platz in der Geschichte als Ikone der ausgerotteten Tiere. Kein anderes hat es geschafft, mehr als 300 Jahre nach dem endgültigen Verschwinden noch so präsent zu sein, nicht einmal die großen. Nicht die Stellersche Seekuh und nicht der Riesenalk – bei denen es sogar weniger lang her ist, dass das letzte Exemplar leider vom Menschen erschlagen wurde.

In den letzten Tagen gelangte der Dodo gleich zweifach zu besonderer Aktualität. Nein, nicht weil man doch noch ein lebendes Exemplar gefunden hätte. Diese Chance ist für immer vertan. Vielmehr karikierte die wichtigste britische Boulevardzeitung einen Dodo mit dem Konterfei der britischen Premierministerin. Weil deren Brexit-Deal so tot sei wie ein Dodo. Und das Frankfurter Naturkundemuseum Senckenberg präsentierte gerade – ohne jeden politischen Hintergedanken – der Öffentlichkeit eine auf Basis neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse geschaffene Rekonstruktion des Dodo.

Bisher gab es viel Spekulation, wie er wirklich ausgesehen hat, denn kaum etwas ist erhalten. Nur ein paar alte Abbildungen, Knochen und andere Bruchstücke sowie ein mumifizierter Kopf. Und nicht mal eine Feder.

Wohl keine heute kurz vor ihrem Ende stehende Großtierart könnte es schaffen, noch in 300 Jahren so sprichwörtlich präsent zu sein wie der Dodo. Nicht der Pandabär, der ist zu niedlich, um ihn aussterben zu lassen. Nicht die Elefanten, für die gibt es Nationalparks. Irgendeine Nashorn-Unterart? Nicht markant genug.

Irgendwie besteht Hoffnung, dass derzeit zumindest die charismatischen Großtierarten mehr Schutz genießen als früher, selbst wenn Lebensräume und Bestandszahlen heute viel kleiner geworden sind. Erfolgsgeschichten wie Uhu, Wanderfalke und Wisent sind allerdings sehr überschaubar und stehen einer Unzahl von ausgerotteten oder aussterbenden Arten gegenüber.

Manchmal staunt man, wie banal die Gefährdungen sind. So konnte der kalifornische Kondor durch Nachzucht in Zoos zwar vom Rand der Ausrottung zurückgeholt werden. Die inzwischen fast 300 frei fliegenden Individuen sind aber noch immer höchst bedroht, weil allzu oft ihre Beute mit bleihaltiger Munition angeschossen wurde.

Das Blei vergiftet die aasfressenden Kondore. Bleimunition im Kondor-Lebensraum ganz zu verbieten, scheitert am Widerstand der National Rifle Association. Obwohl es Alternativmunition gibt. Die kostet aber mehr. Von diesem US-amerikanischen Lobbyverband hört man ohnehin nichts Vernünftiges.

Man wünscht sich, dass künftig keine Arten mehr aussterben, sondern solch bornierte Dummheit. Der Dodo dürfte seine Stellung als Ikone jedenfalls erst einmal behalten.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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