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Der Historiker Götz Aly.

Kolumne

Diskurs der Wortblasen

Inklusion heißt das neue Modewort. Aber Bedeutungshuberei war schon immer ein beliebtes Spiel der Blender.

Von Götz Aly

Frau K. ist findig und genau, selbstständig und effizient. Sie widerspricht, wenn nötig, und beharrt auf Qualität. So hält sie als wissenschaftliche Hilfskraft mein Büro und ihre Studienfinanzen in Schwung, und das seit fünf Jahren – ein Glücksgriff. Jetzt gab sie ihre soziologische Doktorarbeit pünktlich ab und drängt in den Beruf. Doch derzeit interessiert sich in Berlin niemand für die 30-jährige Hochqualifizierte. Die in der Arbeitsagentur für Akademiker zuständig Vermittlerin meint hochtrabend, aber ratlos: „Frau Dr. K., wir bemühen uns jetzt gemeinsam um Ihre Inklusion in den Arbeitsmarkt.“

Inklusion? Aus der mittelalterlichen Klostergeschichte kenne ich Inklusen. Als solche wurden Mönche und Nonnen bezeichnet, die sich für ihr restliches Leben einmauern und einmal täglich ein karges Mahl durch einen Schlitz reichen ließen, um dem Gottesreich ungestört entgegenzubeten. Sie entfernten sich freiwillig, brachen radikal mit der Menschenwelt. Das konnte die Vermittlerin (Inklusorin?) vom Arbeitsamt unmöglich gemeint haben.

Was dann? Am Wochenende traf ich einen guten Freund, gleichfalls Historiker. Leidlich versorgt mit immer neuen Zeitverträgen, hat er 25 lange Jahre unter einem Großprofessor geknechtet. Sein Chef hatte seit seiner Dissertation nichts Lesenswertes mehr zu Papier gebracht, dafür aber Netzwerke geflochten, Intrigen gesponnen, Macht und Einfluss entfaltet, Begriffe „besetzt“. Weil er Geschichte noch nie erzählen konnte, redete er ständig von „neuen Narrativen“, nein: er leitete dieselben „diskursanalytisch“ ab, um mit deren Hilfe den „zivilgesellschaftlichen Universalitätsanspruch im Spannungsfeld zwischen sozialer Inklusion und Exklusion“ im Europa des vergangenen Jahrhunderts zu erkunden, und zwar im Lichte der Studien des von ihm 1995 gegründeten Zentrums für vergleichende Inklusionsforschung (gefördert aus Mitteln der EU). Widerwillig hatte mein Freund den Antrag auf fünf Millionen Euro für dieses „Vorhaben“ schreiben müssen – 4,5 Millionen wurden bewilligt. Jetzt atmete er auf. Seit vier Wochen war er Rentner, hatte „das aufgeblähte Getue hinter sich gelassen“.

Doch dann überkam es ihn: „Du weißt doch, unser schwerbehinderter Sohn Markus ist jetzt 33. Ja, bei all der Last, es war schön mit ihm. Unser Staat stellt enorme Hilfen bereit – Pflegegeld, Grundsicherung, Tagesförderstätte, Familienhelfer, Transport –, aber jetzt werden wir selber gebrechlich. Tragen, Pflegen, die Grundanspannung, die kurzen Nächte, das wird zu viel. Wir suchen eine Unterbringung für Markus – eine schwere, aber notwendige Entscheidung.“ – „Ein Behindertenheim?“ – „Nein“, entgegnete mein Freund, „was früher Behindertenheim und später betreute Behinderten-WG genannt wurde, heißt jetzt „Inklusionsprojekt für Menschen mit besonderen Bedürfnissen“. – „Einfacher wird die Entscheidung nicht.“ – „Aber schöner verpackt“, murmelte mein Freund, „in Wortblasenfolie.“

Die Uno speist das Inklusionsblaba: Das englische „inclusion“ der Behindertenkonvention darf nicht als Integration in die deutsche Übersetzung. Neulich las ich bei Goethe, dass die Theoretikerzunft „die Phänomene gern los sein möchte und an ihrer Stelle deswegen Bilder, Begriffe, ja oft nur Worte einschiebt“. Unser Dichter kannte die Menschen – er hielt sich an die Tatsachen und das Sinnliche.

Götz Aly ist Historiker.

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