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Kanzlerkandidat und Vorsitzender der SDP Martin Schulz.

Zwischenbilanz

Das Dilemma der SPD

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Martin Schulz hat die SPD nach innen stabilisiert. Aber kann der Kanzlerkandidat die Sozialdemokraten auch zum Wahlsieg führen? Der Leitartikel.

Martin Schulz weiß, wie es sich anfühlt, wenn Träume sterben. Als Jugendlicher wollte er unbedingt Fußballprofi werden, am liebsten beim Bundesligisten 1. FC Köln. Schulz spielte gut, aber nicht gut genug – und musste schließlich wegen einer Knieverletzung aufhören. Weil er das Kicken doch nicht ganz ließ, litt sein Knie so, dass er bis heute zum sportlichen Ausgleich eher schnell gehen muss, als dass er joggen könnte.

Jetzt hat Martin Schulz einen neuen Traum: Er will Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden. Als er Ende Januar als neuer SPD-Chef präsentiert wurde, übernahm er damit auch eine Mission, die durchaus jener Herausforderung eines Spitzenfußballers ähnelt, der zu einem Verein in der Krise geholt wurde. Anfangs löste Schulz Euphorie aus. Dann kam die Ernüchterung, als die ersten wichtigen Spiele verloren gingen.

Zu einer ausgewogenen Zwischenbilanz gehören folgende Erkenntnisse: Es war ein Fehler, dass die SPD vor der Wahl im Saarland nicht erkannt hat, wie viele Wähler die Idee eines rot-roten Bündnisses abschreckt. Und es war auch ein Fehler, dass Schulz sich nicht stärker im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf engagiert hat. Im Willy-Brandt-Haus lief organisatorisch vieles nicht rund. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite aber ist: Schulz hat die Partei von innen stabilisiert. Durch sein Auftreten hat er ihr neues Selbstbewusstsein gegeben. Es sind Tausende neue Mitglieder, darunter viele junge, hinzugekommen. Schulz sprach kürzlich zudem selbst davon, ein Parteichef müsse wie ein Mannschaftsführer auch die, die nicht gut miteinander klarkommen, dazu bringen, zielstrebig zusammenzuwirken. Das gelingt derzeit offenbar. Die SPD ist nicht mehr der Verein, bei dem sich nach einem unglücklichen Spiel die Leute hinterher im schlimmsten Fall unter der Dusche prügeln. Sie reden und arbeiten miteinander – konstruktiv.

Mehr noch: Die Mannschaft ist strategisch so aufgestellt, dass sie grundsätzlich fähig ist, zu siegen. Das wird am deutlichsten beim Steuerkonzept der Sozialdemokraten, das nicht nur Geringverdiener entlastet, sondern auch ein gutes Angebot an die Bezieher mittlerer Einkommen ist. Der Spitzensteuersatz, der derzeit sehr früh fällig wird, soll künftig erst bei höheren Einkommen erhoben werden.

Dafür sollen die, die viel verdienen, etwas mehr zahlen. Die SPD will stark in Kinderbetreuung, Bildung und Infrastruktur investieren. Das sind Konzepte, mit denen man Wahlen gewinnen könnte. Wobei die Betonung dann doch eher auf „könnte“ liegt.

Schulz kann Kanzler. Aber kann er diese Wahl gewinnen? Es spricht einiges dafür, dass Schulz bald eine Erfahrung macht, die jeder Fußballer kennt: Es reicht manchmal nicht, alles richtig zu machen, wenn der Gegner zu stark ist. Sicher, die Union hat noch kein Wahlprogramm vorgelegt. Vermutlich wird es an vielen Stellen diffus bleiben.

Aber für viele Wählerinnen und Wähler kommt es darauf gar nicht in erster Linie an. Für das Außenbild ist es wichtig, dass die CSU aufgehört hat, Merkel fortwährend zu attackieren. Ansonsten gilt: Viele fühlen sich bei der Kanzlerin in international schwierigen Zeiten gut aufgehoben. Diese eher gefühlige Herangehensweise mag manch einer als unpolitisch beklagen, aber sie ist nun einmal Realität.

Darüber hinaus befindet sich die SPD in Sachen Koalitionsaussage in einem mehrfachen Dilemma. Die rot-rot-grüne Option hilft der Union im Westen, ihre Wähler zu mobilisieren. Auch wenn in der SPD-Spitze kaum einer glaubt, dass die Linke sich am Ende als koalitionsfähig erweisen wird, muss man versuchen, sich diese Möglichkeit offenzuhalten. Alles andere würde eine der wenigen Chancen, dass Schulz Kanzler wird, verbauen.

Für eine potenzielle Ampelkoalition mit Grünen und FDP könnte FDP-Chef Christian Lindner schon jederzeit vor der Wahl die Tür zuschlagen. Gibt es am Ende dann wieder lediglich die große Koalition unter Führung der Union?

Die SPD muss frühzeitig darüber nachdenken, wie sie das, was sie durch Schulz an Belebung erhalten hat, im Fall einer Wahlniederlage bewahrt. Sie braucht eine Willkommenskultur in den Ortsvereinen, damit die neuen jungen Mitglieder auch bleiben.

Und was ist, wenn es nach der Wahl um die Frage gehen sollte, ob eine große Koalition unter Merkel oder ein Jamaica-Bündnis aus Union, Grünen und FDP das Land regiert? Dann wären die Sozialdemokraten gut beraten, den nach Regierungsämtern lechzenden Spitzengrünen diesmal den Vortritt zu lassen. „Opposition ist Mist“, hat Franz Müntefering gesagt. Da ist zwar was dran. Aber noch mal vier Jahre große Koalition unter Merkel, das würde die SPD-Basis in ihrer Seele nicht nur kränken, sondern bitter verletzen.

In Zeiten der Volatilität und höchst kurzfristiger Wählerentscheidungen ist natürlich längst nichts entschieden. Aber als früherer Fußballer erinnert sich Martin Schulz im Fall der Fälle nach der Wahl hoffentlich an Folgendes: Man muss nicht gegen jeden Ball treten, den einem jemand hinlegt.

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