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Dilek Güngör überzeugt mit ihrem neuen Roman „Ich bin Özlem“.

Da ist er endlich – der neue Roman von Dilek Güngör ist erschienen. „Ich bin Özlem“ heißt er. Ein großartiger Wurf. Gerade auch jetzt mitten hinein in die überall wuchernden Identitätsreden.

Güngör beschreibt in einfachen, klaren Sätzen ihre Heldin, das Leben mit Ehemann und Kindern mitten in Berlin, ihre Freunde. Immer wieder Gespräche. Niemand wird ermordet, nirgends breitet ein Wahn sich aus. Alles ganz normal. Mittendrin die Erzählerin, die eins zu sein scheint mit ihrer Ich-Figur. Die selbst aber niemals eins ist mit sich. Immer hadernd, unsicher. Dabei freundlich. Sie sucht ihre Rolle. Dabei ist sie aus dem Alter, da man das tut, lange heraus.

Es gibt Menschen, die vertreten die Auffassung, dass die großen Fragen nur von den Menschen beackert werden, die nicht aufhören Kinder zu sein. Die anderen haben ihren Frieden mit der Unbeantwortbarkeit gemacht. Sie wissen, dass sie nicht wissen, wer sie sind, haben sich für eine Rolle entschieden und sehen nicht ein, warum sie sich abmühen sollen, einer Lösung näherzukommen, wo doch ganz offensichtlich es niemand geschafft hat.

Dilek Güngör hat keinen Essay geschrieben. Sie erzählt von einer Frau, die mitten unter uns steht und nicht weiß, was sie mit uns und was sie mit sich anfangen soll. Nein, sie weiß das sehr genau. Sie funktioniert bestens, aber sie steht daneben und hört nicht auf sich zu fragen, warum sie so angewiesen ist auf Bestätigung, warum sie nicht einfach sie selbst sein kann.

Sie ist sich selbst eben nicht genug. Dabei weiß sie: „Ich bin schon längst jemand, schon längst genug und kann aus dem schöpfen, was ich weiß und kann und habe.“

Das hat sie begriffen, „etwas Grundlegendes, aber nur als Gedanken, die Gefühle dazu sind noch unterwegs“. Das kennt jeder Leser. Dilek Güngör versteht sich auf die Kunst, uns die Unsicherheit vor Augen zu halten, vor der wir gerne davonlaufen.

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