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In den USA hat die digitale Wirtschaft Kommunikationsinfrastrukturen geschaffen, auf die niemand mehr verzichten möchte.

Gastbeitrag

Die digitale Welt muss gezähmt werden

Künstliche Intelligenz kann uns helfen, Probleme wie den Klimaschutz zu bewältigen. Dafür wäre ein UN-Gipfel 2022 hilfreich.

Künstliche Intelligenz, automatisierte Entscheidungsfindung und virtuelle Räume werden Gesellschaften so tiefgreifend verändern wie vor 200 Jahren, als Dampfmaschinen und fossile Energieerzeugung eine neue Gesellschaftsformation schufen. Das zeigt der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) in seinem neuen Gutachten „Unsere gemeinsame digitale Zukunft“. Es stellt sich die Frage, ob uns die kraftvollen technologischen Innovationen helfen können, unsere Weltprobleme der Gegenwart zu lösen. Darüber wird bisher erstaunlich wenig nachgedacht.

Stellen wir uns einmal vor, wir nutzten alle Potenziale der Digitalisierung, um die großen Herausforderungen anzugehen. Digitale Lösungen werden eingesetzt, um endlich Kreislaufwirtschaften zu schaffen, Ressourceneffizienz zu steigern, die Treibhausgasemissionen radikal zu senken oder die erneuerbaren Energien voranzubringen.

Dann setzten wir digitale Gemeingüter über eine öffentlich-rechtliche Informations – und Kommunikationstechnologie so ein, dass beispielweise künstliche Intelligenz (KI) genutzt werden kann, um unsere Bildungs- und Wissenssysteme zu modernisieren. Wir schafften so etwas wie eine öffentlich-rechtliche Alternative zu dem sogenannten sozialen Netzwerk Facebook, auf der sich Bürger – ohne Furcht vor Totalüberwachung oder Datenentnahme – vernetzen und miteinander kommunizieren können.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. In den USA hat die digitale Wirtschaft Kommunikationsinfrastrukturen geschaffen, auf die niemand mehr verzichten möchte: Smartphones, Gadgets, weltweite soziale Plattformen. Damit sind mächtige Oligopole entstanden, die es weltweit den Staaten schwermachen, sie angemessen zu besteuern.

Die Handlungsfähigkeit der Staaten schrumpft. Algorithmen-basierte Systeme der großen Digitalunternehmen und die Auswertung riesiger Datenmengen können Bürgerrechte unterminieren sowie Zugänge zu Arbeitsplätzen, Versicherungen und Wissen beeinflussen sowie Desinformationen erhöhen. Noch besorgniserregender ist es allerdings, wo Digitalisierung auf autoritäre Strukturen stößt.

Es gibt keine Automatismen zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Utopien und Dystopien liegen eng beieinander. Digitalisierung muss also endlich politisch gestaltet werden, um Gemeinwohlorientierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeitstransformationen miteinander zu verbinden.

Deutschland und die Europäische Union sollten sich für einen UN-Gipfel zum Thema „Digitalisierung und Nachhaltigkeit“ im Jahr 2022 einsetzen. Die wäre gut 30 Jahre nach der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung (UNCED) – oder oft auch Erdgipfel genannt – ein wichtiger Impuls für eine Debatte für eine digitale Nachhaltigkeitsgesellschaft.

Ein klares Ziel muss auch sein, die Digitalisierung mit den im Jahr 2015 vereinbarten globalen Nachhaltigkeitszielen (SDGs, Agenda 2030) sowie den Zielen des Pariser Klimaübereinkommens in Einklang zu bringen. Die Bundesregierung muss sich im Rahmen ihrer EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2020 dafür starkmachen.

Die Digitalisierung zu zähmen, sie zu nutzen und zu gestalten, ist die größte Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Es geht darum, eine digitale Nachhaltigkeitsgesellschaft zu gestalten, die den Erhalt der natürlichen Umwelt mit fairem Wohlstand für eine Weltbevölkerung von bald zehn Milliarden Menschen möglich machen wird.

Damit die Politik für die Gestaltung dieses Wandels besser gerüstet ist, bedarf es einer Stärkung der Rolle der Wissenschaft. International brauchen wir beispielsweise einen Wissenschaftsausschuss, der in Form regelmäßiger Sachstandsberichte die Weltgemeinschaft über die Wirkungen der rasant voranschreitenden Digitalisierung unterrichtet, ähnlich wie der Weltklimarat IPCC (Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen).

Ina Schieferdecker ist Co-Direktorin des Fraunhofer-Instituts für Offene Kommunikationssysteme (Fokus) und Direktorin des Weizenbaum-Instituts für die vernetzte Gesellschaft sowie Mitglied des WBGU.

Dirk Messner ist Direktor des Instituts für Umwelt und menschliche Sicherheit der Universität der Vereinten Nationen (UNU-EHS) und Co-Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU).

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