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Mit dem Siegeszug des Internet offenbart sich die gesteigerte Lust an öffentlicher Erregung.
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Mit dem Siegeszug des Internet offenbart sich die gesteigerte Lust an öffentlicher Erregung.

Leitartikel

Die digitale Ruppigkeit

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Mit dem Siegeszug des Internet offenbart sich eine gesteigerte Lust an öffentlicher Erregung. Sie verdeckt eine wachsende Orientierungs- und Ratlosigkeit in der Gesellschaft.

Wer in den letzten Tagen einige der Nachrufe zum Tod des „FAZ“-Herausgebers Frank Schirrmacher gelesen hat, dem mag aufgefallen sein, wie vielfältig das Bedürfnis war, ihm nicht nur seine herausragende publizistische Bedeutung zu attestieren, sondern auch seine Warmherzigkeit und Begabung zur Freundschaft. Das ist umso bemerkenswerter, da der Ruf Schirrmachers doch auch geprägt war von seiner Lust an der Kontroverse sowie den Spielen der Macht.

Eine Notiz des „Zeit“-Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo geht womöglich über eine bloße Ergänzung zum Psychogramm des intellektuellen Inspirators der späten Bundesrepublik hinaus. Wegen des naiven Bekenntnisses, bei der Europawahl sowohl als Deutscher als auch als Italiener gewählt zu haben, war di Lorenzo heftig unter Beschuss geraten und über Tage der Häme einer neuen digitalen Ruppigkeit ausgesetzt. In der ominösen Doppelwahl di Lorenzos schossen Politikum und individuelle Fehlleistung zusammen und gaben so ein gefundenes Fressen ab für den kleinen Hunger nach spontaner Emotionalisierung. Frank Schirrmacher war di Lorenzo öffentlich beigesprungen, und in einer seiner letzten Botschaften an den „Zeit“-Chef notierte er, dass es vielleicht Aufgabe des Qualitätsjournalismus sein müsse, den „Menschenjagd-Konsens“ zu durchbrechen.

„Menschenjagd-Konsens“ ist ein starkes Wort, aber es verweist auf eine auffällige Unerbittlichkeit, die losbrechen kann, sobald einer die Angriffsfläche bietet, den Schutz der öffentlichen Gleichgültigkeit zu verlassen, und das Wagnis eingeht, abseits der geltenden Konventionen zu agieren.

Dass es schlimmere Formen der Aburteilung gibt als die juristische Untersuchung ihres möglichen oder tatsächlichen Vergehens, mussten auch der Fußball-Manager Uli Hoeneß, Ex-Bundespräsident Christian Wulff und der frühere SPD-Abgeordnete Sebastian Edathy erfahren.

Zwei Seiten einer Medaille

Dabei sind das Bedürfnis, öffentliche Anteilnahme (zum Beispiel am Schicksal des Formel-1-Rennfahrers Michael Schumacher) zum Ausdruck zu bringen, und die gesteigerte Lust, sich zu echauffieren, wohl zwei Seiten einer Medaille. Es sind Anziehungs- und Abstoßungsphänomene einer sozialen Wirklichkeit, in der das Lustprinzip gilt und in der doch zugleich hohe Erwartungen an die Mechanismen der Affektkontrolle gestellt werden. Betrachtet man die Wahrnehmung und Durcharbeitung öffentlicher Skandale, dann fällt an ihnen vor allem ein Mangel an Verhältnismäßigkeit auf. Der Journalist Jörg Schindler hat sich nach Recherchen für ein Buch in einer „Rüpelrepublik“ wiedergefunden, in der die Rücksichtslosigkeit zum habituellen Selbstverständnis gehört und die digitalen Medien zu einer maximalen Aufladung und Beschleunigung der Erregung beigetragen haben.

Und doch sind sie nicht deren Ursache. Eine verunsicherte Gesellschaft ist vielmehr dabei, sich an ständig wechselnden Gegenständen über Norm, Haltung sowie deren Geltung oder Abwesenheit zu verständigen. Das Rasende und eine rasch überschießende Meinungsfreude, die sich in einander schnell abwechselnden Debatten zur Artikulation drängen, verdecken meist nur schwach eine allgegenwärtige Orientierungs- und Ratlosigkeit. Wer daran gewöhnt und oft auch dazu gezwungen ist, im Beruf wie im Privaten rasche Entscheidungen zu treffen, der kann es kaum ertragen, in einer schwierigen Frage innehalten und abwägen zu sollen oder gar unentschieden zu bleiben.

Mit der bloßen Mahnung, gewisse Formen des Anstands zu bewahren, ist es allerdings nicht getan. Ein Blick in die Geschichte des Anstands und der Sitten zeigt, dass es ohnehin zu keiner Zeit einen verlässlichen Vorrat oder gar Kanon an Verhaltensregeln gab.

Zwar hat keine Gesellschaft auf Anstand verzichtet, aber die Varianten des anständigen Lebens sind vielfältig und widersprüchlich. Es gilt das berühmte Beispiel Montaignes, dem zufolge die Menschenfresserei ebenso Anspruch habe, als Sitte anerkannt zu werden, wie die moderne Spezialität, einander gegenseitig in Kriegen umzubringen.

Wenn es keine durchgängige Definition des Anstands gibt, so gibt es doch ein anhaltendes Bedürfnis, nicht verletzt zu werden, sowie den Selbstanspruch, den anderen nicht zu verletzen. Es ist der Kern von Zivilität. Nach Erasmus von Rotterdam bedeutet Zivilität denn auch nicht Zwang, sondern Freiheit. Zivil ist es gewiss, sich in Gesellschaft nicht wie ein Wolf aufs Essen zu stürzen, aber noch ziviler sei es, sich nicht darüber aufzuregen. Es sei zivil, so fasst es der Sittenforscher Karl-Heinz Göttert zusammen, sich an Regeln zu halten, „aber noch ziviler ist es, Verstöße dagegen zu erdulden“.

Letzteres scheint derzeit nicht sonderlich ausgeprägt. Mit dem Siegeszug des Internets geht vor allem auch einer der individuellen Ungeduld einher. Diese von Zeit zu Zeit zu durchbrechen, sollte tatsächlich als gesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen werden.

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