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Unter der Friedensbrücke in Frankfurt erinnert ein 27 Meter langes Graffiti an die Opfer des Anschlags in Hanau am 19. Februar 2020.
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Unter der Friedensbrücke in Frankfurt erinnert ein 27 Meter langes Graffiti an die Opfer des Anschlags in Hanau am 19. Februar 2020.

Hanau

Differenzen der Erinnerung

  • VonMonty Ott
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  • Ruben Gerczikow
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Nach Anschlägen wie dem in Hanau muss unsere Solidarität den Opfern gelten. Sie verdienen unsere Aufmerksamkeit - nicht die Personen, die Gewalt verursacht haben. Ein Gastbeitrag.

Ende Februar, dieses Jahr exakt eine Woche nach dem Jahrestag von Hanau, feiern Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt das Purimfest. Kurz gefasst geht es dabei um die Erzählung, wie ein böser Minister namens Haman durch ein Komplott die in Persien lebenden Jüdinnen und Juden ermorden wollte. Die jüdische Frau des Königs, Esther, und ihr Onkel Mordechai konnten die Verschwörung aufdecken. Jedes Jahr, wenn die Geschichte erzählt und der Name Haman gelesen wird, lärmen alle Anwesenden. Hamans Name soll für seine Übeltat ausgelöscht werden. Dadurch entsteht eine interessante Dialektik, denn durch das Lesen der Geschichte wird die Erinnerung an ihn zugleich aufrecht erhalten. Man könnte sagen, dass der Lärm für die Analyse steht. Hamans Name kann nicht ohne ihn gelesen werden, das verhindert seine Heroisierung. Wir feiern, dass wir überlebt haben, im Bewusstsein, dass die Ideologie hinter dem versuchten Pogrom weiter fortbesteht.

Diese Ideologie gehörte zum Weltbild des Rechtsterroristen, der vor einem Jahr neun Menschen in Hanau ermordete. Seine Motivation bestand in einer rassistischen, antisemitischen und verschwörungsideologischen Weltanschauung. Einerseits steht dieser Anschlag in einer Reihe mit anderen Anschlägen, andererseits sticht er hervor. Denn anders als bei vielen anderen rechten Anschlägen sind die Namen der Opfer, also Fatih Saraçoglu, Ferhat Unvar, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Kaloyan Velkov, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi und Vili Viorel Paun, vielen Menschen bekannt. Dieser Umstand ist nahezu singulär.

Für gewöhnlich fokussiert sich die Berichterstattung darauf, den Täter und seine Motivation zu präsentieren. Ganz Deutschland kennt den Namen des islamistischen Terroristen, der den Anschlag auf dem Breitscheidplatz beging. Sein Name wird sogar als Synonym für einen Untersuchungsausschuss im Bundestag benutzt, obwohl es dort vor allem um das Versagen von Polizeibehörden und Geheimdiensten geht, die den Anschlag nicht verhindern konnten. Dies führt uns zu den Namen der Opfer: Warum mussten Anna und Georgiy Bagratuni, Sebastian Berlin, Nada Cizmar, Fabrizia Di Lorenzo, Dalia Elyakim, Christoph Herrlich, Klaus Jacob, Angelika Klösters, Dorit Krebs, Lukasz Urban und Peter Völker sterben, und warum wurden fast 100 weitere Menschen verletzt? Eine auf den Täter(-namen) fokussierte Berichterstattung setzt sich weniger mit den Opfern auseinander. Aber gerade für die Angehörigen der Opfer ist die Frage nach Fehlern der Sicherheitsbehörden, die Frage nach dem „Warum“ des Anschlags wichtiger als eine breite Darstellung des Täters.

Die Autoren

Ruben Gerczikow ist Vizepräsident der European Union of Jewish Students (EUJS). Monty Ott ist Doktorand und ehemaliger Vorsitzender von Keshet Deutschland e.V. Gemeinsam engagieren sich die beiden im jüdischen Medienprojekt „Laumer Lounge“.

Dass die Opfer von Hanau deutschlandweit wahrgenommen werden, ist dem Engagement von Betroffenen und der „Initiative 19. Februar“ zu verdanken. Namen und Konterfeis der Opfer wurden großflächig verbreitet. Das ermöglichte weitaus mehr Menschen als sonst, sie kennenzulernen und sich mit ihnen verbunden zu fühlen. Auch die „Initiative 9. Oktober“, die sich nach dem antisemitischen, rassistischen und misogynen Anschlag in Halle gegründet hatte, wollte die Aufmerksamkeit hin zu den Opfern lenken. An jedem Prozesstag war vor dem Gerichtsgebäude in Magdeburg ein Transparent mit der Aufschrift „Solidarität mit den Betroffenen – Keine Bühne dem Täter“ zu sehen. Daneben waren die Bilder von Kevin Schwarze und Jana Lange omnipräsent, die der Halle-Attentäter ermordete, nachdem er an der Synagogentür gescheitert war.

Wenn wir über Terroranschläge reden, reden wir meistens über die Täter. Jede:r kennt ihre Namen. Über die Opfer und Hinterbliebenen wird hingegen viel zu wenig gesprochen. Die Analyse des Täters ist dort notwendig, wo sie in Zukunft zu entsprechenden Interventionen beitragen kann. Sie ist notwendig, wo Informationen über die Täter die hinter ihnen stehenden Strukturen und Netzwerke offenlegen.

Doch die schiere Flut an Informationen zu den Tätern dient zumindest ungewollt ihrer Heroisierung. Vor allem in rechtsextremen Onlinesubkulturen tragen Anerkennung und Berühmtheit zur Radikalisierung und Nachahmung bei. Es reicht aber nicht aus, Medienschaffende in die Verantwortung zu nehmen. Wir müssen unsere eigenen Gewohnheiten hinterfragen. Unsere Solidarität muss den Opfern gelten. Sie verdienen unsere Aufmerksamkeit und nicht die Personen, die so viel Hass und Gewalt verursacht haben.

Wir sollten nicht naiv sein. Einen Namen nicht zu schreiben, wird das Problem von Antisemitismus und Rassismus nicht lösen. Aber darauf hinzuweisen stellt die wichtige Frage, welchen Umgang wir mit dem Terror finden. Wir feiern das Leben, die Täter feiern den Tod. Im Vordergrund sollte die Erinnerung an die Menschen stehen, die aus dem Leben gerissen wurden. Nur so entsteht ein Bewusstsein, durch das wir letztlich die Verhältnisse bekämpfen können, die den Terror ermöglichen.

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