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Dieter Nuhr polarisiert mit seinen Greta-Witzen.

Was darf Satire?

Nu(h)r die Ruhe bewahren!

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Der Kabarettist Dieter Nuhr hat sich einen veritablen Shitstorm eingefangen, nachdem er Witze über Greta Thunberg gemacht hat. Hat die Klimabewegung keinen Humor? Ein Kommentar.

Dreieinhalb Jahre ist es mittlerweile her, dass in Deutschland darüber diskutiert wurde, wie weit Satire gehen darf. Damals ging es um ein Schmähgedicht von Jan Böhmermann, in dem dieser dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan allerlei unschöne Eigenschaften attestierte, eine recht abseitige sexuelle Vorliebe inklusive. Damals zeigte der türkische Präsident sich humorfrei wie man ihn kennt und erstattete Strafanzeige, während man sich hierzulande munter weiter amüsierte, dass ein Präsident da nicht drüber steht.

Seit zwei Tagen wird nun wieder diskutiert, wo die Grenzen der Satire liegen und nicht wenige Menschen zeigen sich plötzlich erstaunlich engstirnig – zumindest, was Witze über Greta Thunberg und die Klimabewegung angeht.

Was war passiert? Dieter Nuhr hat in seiner Sendung „Nuhr im Ersten“ die 16-Jährige und ihre Fridays-for-Future-Bewegung in seiner TV-Show in der ARD mit ein paar Witzen durch den Kakao gezogen. Diese Witze waren nicht alle originell, blieben aber anders als bei Böhmermann zumindest über der Gürtellinie.

„Werde das Kinderzimmer nicht mehr heizen“

Eine Kostprobe? „Ich bin gespannt, was Greta macht, wenn es kalt wird. Heizen kann es ja wohl nicht sein“, hatte der bekannte Kabarettist zunächst gekalauert. Auch seine Tochter engagiere sich beim Kampf gegen den Klimawandel. Augenzwinkernd erklärte er daher seinen persönlichen Beitrag zur Eindämmung der Erderwärmung: „Ich werde - weil meine Tochter zu den Freitags-Demos geht - im Kinderzimmer nicht mehr heizen.“ Das muss man nicht lustig finden. Ein Weltuntergang sind derartige Witze aber nun auch nicht.

Nuhr legte dann noch einen drauf: „Als älterer Herr sollte man sich wahrscheinlich sowieso in dieses Thema gar nicht einmischen, schon gar nicht mit Argumenten. Dass Mobilität Bedingung für die Grundversorgung der Bevölkerung sei oder solche Sachen? Als Schulkind interessiert mich doch die Grundversorgung nicht - das machen doch die Eltern.“ 

Zum Schluss wies Nuhr noch auf die technischen Segnungen unserer Zeit hin, ohne die wohl auch Gretas Generation ungern auskommen würde: „Wenn unsere Kinder meinen, wir können diese Welt mit ein bisschen Sonne und Wind antreiben, dann sollten wir Eltern ihnen ein Hamsterrad mit Dynamo ins Kinderzimmer stellen. Da können sie dann ihre Handys aufladen und dann im Kerzenschein Gedichte lesen.“ 

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Nochmal: Das muss man nicht witzig finden. Schließlich hat jeder einen anderen Sinn für Humor. Doch das Twitter-Gewitter, das nach der Sendung über den Kabarettisten hereinbrach, war dann doch reichlich übertrieben. 

„Wie geschmacklos ist das denn bitte?“

„Wie geschmacklos ist das denn bitte, Herr Dieter Nuhr? Es tut mir fast körperlich weh, dass ich mit meinen Gebühren Ihre Show mitfinanzieren muss. So viel Stimmung, wie Sie gegen Fridays For Future machen, ist aus meiner Sicht keine Satire mehr. Das ist reine Meinung“, schreibt ein Michael F. „Dieser Nuhr ist der personifizierte weiße Mann, der sich von Kindern angegriffen fühlt und nur mit Gehässigkeit und beleidigendem Zynismus antworten kann“, heißt es in einem weiteren Tweet.

Ähnlich wie diese beiden äußerten sich zahlreiche Twitter-Nutzer. Da geht es mal gegen das gebührenfinanzierte Fernsehen, mal wird Nuhr eine gedankliche Nähe zur AfD unterstellt. Auch auf das Alter Thunbergs wird öfter hingewiesen. Wie kann der Mann nur ein 16-jähriges Mädchen so angehen? Nun ja, dieses 16-jährige Mädchen hat eine weltweite Protestbewegung entfacht und übt momentan einen großen Einfluss auf viele Menschen aus. 

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Dass Nuhr sich damit beschäftigt, ist also nun nicht gerade verwunderlich. Nuhrs Witze und mehr noch die wütenden Reaktionen vieler Menschen darauf illustrieren damit aufs Schönste, wo der Spaß auch mal vorbei ist. Wenn es um die Rettung des Klimas und des Planeten geht, dann sind dumme Witze offenbar zu unterlassen.

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Das beste Argument gegen „Lügenpresse“-Schreier

Dabei sind Nuhrs Greta-Sprüche nicht nur blöde Witze, sondern ganz im Gegenteil das beste Argument gegen die ganzen „Lügenpresse“-Schreier, die behaupten, dass gewisse Meinungen, die dem grünen Mainstream zuwiderlaufen, in Deutschland angeblich nicht mehr geäußert werden dürften.

Die, die sich nun über Nuhr empören, sind nicht selten auch Menschen, die die derben Schmähungen Erdogans noch lustig fanden, bei Nuhr aber nun nach Grenzen verlangen. Hier treffen sich ein latenter Hang zum Wunsch nach Zensur im Zeichen der guten Sache und eine erbärmliche Doppelmoral. Dabei ist der Satire doch eigentlich fast alle erlaubt. Und das ist ja auch gut so.

Wie grausam wäre denn eine Begrenzung auf einen vermeintlich gesellschaftlich gewünschten Mainstream-Humor? Eine Horrorvorstellung! Und eines ist sicher: Lustig wäre das nicht. Darum: Nu(h)r die Ruhe bewahren!

Tobias Möllers

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