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Durch den Dieselgate-Skandal steht plötzlich die hiesige Autobranche unter Generalverdacht, sagt Joachim Wille.
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Durch den Dieselgate-Skandal steht plötzlich die hiesige Autobranche unter Generalverdacht, sagt Joachim Wille.

VW-Skandal

Dieselgate erschüttert die ganze Branche

  • Joachim Wille
    VonJoachim Wille
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Der VW-Skandal zerstört die Illusion, die autozentrierte Verkehrspolitik und die Fixierung der Hersteller auf größere und schnellere Fahrzeuge könnten einfach so weitergehen. Der Leitartikel

Der Dieselgate-Skandal erschüttert den Vorzeigekonzern VW, und nicht nur ihn. Die ganze hiesige Autobranche steht plötzlich unter Generalverdacht. Ja, sogar die „Deutschland AG“, das erfolgreiche Wirtschaftsmodell, dessen Ikone das Unternehmen Volkswagen darstellt. Die weltweite Nummer eins unter den Autobauern hat moralische Standards verletzt. Aufgeflogen ist keine kleine Trickserei, sondern eine gezielte, millionenfache Manipulation, eine bewusste Täuschung von Behörden und Kunden, die zum „slow killing“ durch Luftschadstoffe beiträgt. Es ist Konsens: So zu agieren, gehört sich nicht, schon gar nicht für ein Unternehmen mit dem Selbstverständnis von VW, „das Auto“ zu bauen, was heißt: das makellose Auto. Die Öffentlichkeit ist empört. Teure Rückrufaktionen sind die Folge, Milliardenstrafen drohen und eventuell Schadensersatz-Zahlungen an die Autokunden, die den Konzern in die Pleite treiben könnten.

Die Frage ist allerdings: Regen wir uns eigentlich über das Richtige auf? Hätten wir uns nicht schon viel früher aufregen müssen? Die Abgas-Manipulation von elf Millionen Diesel-Pkw ist doch „nur“ ein besonders extremer Auswuchs der „Automobilmachung“ der Industriegesellschaften, die längst auch von den Schwellen- und Entwicklungsländern kopiert wird. „Dirty Diesel“ zerstört die Illusion, die autozentrierte Verkehrspolitik und die Fixierung der Autobauer auf immer schwerere, größere und schnellere Fahrzeuge könne einfach so weitergetrieben werden wie in den vergangenen Jahrzehnten, obwohl beides damit auf Kollisionskurs steuert – gegen Gesundheits-, Umwelt und Klimaschutz.

Solide, komfortabel, PS-stark

Das Auto ist in Deutschland erfunden worden, und hier werden immer noch die besten Autos gebaut, zumindest nach den gängigen Standards – solide, komfortabel, PS-stark. Das Modell motorisierter Individualverkehr hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt. Das Alltagsleben wurde fast komplett aufs Auto gepolt. Führerschein mit 18 als Eintritt ins Erwachsenenleben, freie Fahrt für freie Bürger, Freude am Fahren – das waren und sind die Leitplanken. Man hat sich daran gewöhnt, mit Auto auch zu weit entfernt gelegenen Arbeitsstelle gelangen zu können, die Freizeit damit zu gestalten, in Urlaub zu fahren. Diese neuen, von inzwischen 44 Millionen Autofahrern in Deutschland – und weltweit über einer Milliarde – genutzten Möglichkeiten bewirkten auch ihr Gegenteil. Die Verkehrspolitik hat sich in die Sackgasse manövriert.

Was passierte? Sie hat Stadt und Land so „autogerecht“ gemacht, dass ohne Pkw fast nichts mehr geht – öde Vorstädten ohne Einkaufsmöglichkeiten, Stadtautobahnen, Shopping-Zentren auf der grünen Wiese. Die zunehmend bequeme Autonutzung erzeugte den Druck, mehr Straßen und Autobahnen zu bauen, um Staus aufzulösen. Die verbesserte Auto-Gängigkeit der Städte und der Ferne verlockte mehr Menschen zum Autokauf, die glauben, durch diese Investition ein Anrecht auf staufreies Fahren zu haben. Forscher haben auf die psychologische Komponente hingewiesen, die hier mitspielt. Das Konzept Auto, sagen sie, setze sich in den Köpfen fest. Es verändere nicht nur das Handeln, sondern auch die Wahrnehmung der Welt – durch die berühmte „Windschutzscheiben-Perspektive“. Sogar das Wertesystem orientiere sich in der Folge an den Bedürfnissen des Autos. Wer will, findet viele Belege dafür. So schreiben Bauämter zu jeder Wohnung mindestens einen Abstellplatz vor, nicht aber Kinderzimmer oder „Spiel-Räume“ auf der Straße.

Steigende ökologische Anforderungen

Was das mit Dieselgate zu tun hat? Die Autolobby und die autoaffine Politik versuchen seit Jahrzehnten, die steigenden ökologischen Anforderungen, die vom Wachstum des motorisierten Individual-Verkehrs ausgelöst werden, ohne Veränderung dieses Systems zu lösen. Tatsächlich haben sie eine „Verkehrswende“ mit viel mehr Bus-, Bahn-, Fahrrad- und Zu-Fuß-Verkehr analog zur Energiewende bisher erfolgreich verhindert. VW, BMW, Daimler & Co. waren als deutsche „Schlüsselindustrie“ weit erfolgreicher als die Stromkonzerne, deren überholtes Geschäftsmodell rasant erodiert. Die Kämpfe der Autolobby gegen Umwelt- und Klimavorschriften sind legendär. Sie schaffte es, nötige Regulierungen entweder abzuwehren, abzumildern oder in die Zukunft zu verschieben – Katalysator-Einführung abgeblockt, Tempolimit verhindert, Partikel-Filter gegen Feinstaub verzögert, CO2-Grenzwerte entschärft, unrealistische Abgastests verteidigt.

Der Dirty Diesel-Skandal setzt dem ganzen die Krone auf. Vor allem die deutschen Autobauer haben den abgastechnisch schwer zu bändigenden, aber CO2-günstigeren Diesel-Motor mit dem Ziel kultiviert, so trotz Klimaschutzanforderungen weiter mit immer größeren, schweren, schnelleren Autos im Geschäft bleiben zu können. VW kam damit offenbar an eine technische oder finanzielle Grenze, die bei den für den Skandal Verantwortlichen die Sicherungen durchbrennen ließ. Anlass genug, nun umzudenken – Richtung Verkehrswende. Zurück zum Business as Usual geht es jedenfalls nicht mehr.

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