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Kolumne

Das Dienen hat ausgedient

  • Harry Nutt
    VonHarry Nutt
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Überall gibt es nur noch Macher und Bestimmer. Das eigene Selbstbild soll noch so etwas wie Halt vermitteln.

Der Wandel von Berufsbildern vollzieht sich oft vor allem in sprachlicher Hinsicht. Ein sogenannter Coach, der von verschiedenen Unternehmen für die Weiterbildung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eingesetzt wird, reagierte kürzlich spürbar gereizt auf die eben noch handelsübliche Bezeichnung. In seinem Verständnis sah er sich vielmehr als Teamentwickler. Dabei hatte sich an seinen Aufgaben nichts wirklich geändert.

Er leitet die ihm in kleinen Gruppen zugeteilten Beschäftigten der verschiedenen Unternehmen dabei an, ihre dienstlichen Vorstellungen und Sorgen auf Karteikärtchen zu schreiben und an eine Pinnwand zu heften. Und in elaborierten Rollenspielen wird artig das berufliche Selbstbild der Betroffenen ergründet. Die Arbeit eines Coaches eben, aber jetzt eines Coaches, der nicht mehr so genannt werden mochte. Vielleicht störte die begriffliche Nähe zum Sport, diese verschwitzte Aufgeregtheit, die Assoziation von älteren Männern in kurzen Hosen.

Natürlich mag, wer auf sich hält, viel lieber etwas entwickeln. Der große Soziologe Siegfried Kracauer hat das berufliche Aufstiegsbestreben der kleinen Leute bereits in seiner 1930 erschienenen Studie über „Die Angestellten“ genau untersucht. Das ehrgeizige Fortkommen von unten nach oben jedoch, so fand der Soziologe Kracauer heraus, hat desaströse Folgen für den Klassenstandpunkt. Aufstieg entfremdet. Kracauer jedenfalls hätte seine helle Freude gehabt an den sprachlichen und gedanklichen Kapriolen aus der Welt, in der man von Umstrukturierung, Changemanagement und dergleichen mehr spricht.

Schon möglich, dass die soziologische Dynamik auch auf das Assistenzwesen zutrifft, das nirgendwo so liebevoll entwickelt wurde wie in der unsterblichen „Tatort“-Reihe in der ARD. Die Schauspielerinnen Christine Urspruch (als Alberich) und Friederike Kempter (als Nadeshda) wurden über ihre Rollen im Münster-Tatort neben Axel Prahl und Jan-Josef Liefers selbst zu Berühmtheiten, und ohne Zweifel lebt der Ludwigshafen-Tatort mit Ulrike Folkerts durch die Präsenz des brummigen Italo-Assistenten Kopper (Andreas Hoppe). Der aber will nun nicht mehr. 20 Jahre Kopper sind ihm schlicht genug, im kommenden Herbst wird er zum letzten Mal im Tatort zu sehen sein. Pasta essen, Fiat fahren, tempi passati.

Der Abschied vom Typus des Assistenten scheint aber auch einer vom Prinzip zu sein. Das Dienen hat ausgedient, überall gibt es nur noch Macher und Bestimmer. In einer zunehmend orientierungslos erscheinenden Welt soll wenigstens das eigene Selbstbild noch so etwas wie Halt vermitteln. Dabei kann der Ausstieg aus der Serienrolle durchaus problematisch sein. Manch ein verdienter Assistent hat den Tigersprung in die schauspielerische Unabhängigkeit am Ende nicht wirklich geschafft.

Andreas Hoppe wird mir vor allem als Kopper im Gedächtnis bleiben, wie er einmal wegen eines Mordfalles in einem Fitnessstudio zu ermitteln hatte. Der sichtlich gut genährte Kopper wurde, noch ehe er seinen Dienstausweis vorlegen konnte, gefragt: „Und? Was können wir für Sie tun?“ Der Assistent Kopper blickte kurz auf den scheppernden Gerätepark im Studio und antwortete dann: „Ich will so bleiben wie ich bin.“

Harry Nutt ist Autor.

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