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Die Hinterbühne der Datenwelt

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Die nutzerspezifischen Daten dienen der Generierung von Algorithmen. 
Die nutzerspezifischen Daten dienen der Generierung von Algorithmen.  © Michael Schick

Eine neue Berufsgruppe nimmt Einfluss auf unsere digitalen Aktivitäten. Die Data Scientists sind Stadtplanerinnen und Stadtplaner unserer virtuellen Welt. Vertrauen wir ihnen? Der Gastbeitrag von Robert Dorschel.

Es genügt ein Blick in der U-Bahn oder ein Besuch bei den Großeltern: Die digitale Durchdringung der Gesellschaft scheint unaufhaltsam. Mittlerweile wissen wir, dass während unserer Reise durch dieses „Neuland“ fleißig Daten über uns gesammelt werden.

Die nutzerspezifischen Daten dienen dann der Generierung von Algorithmen. Diese wiederum beeinflussen, welche Produkte wir kaufen, welche Nachrichten wir konsumieren und in wen wir uns vermittelt über Dating-Apps verlieben. Doch wie kommen diese Algorithmen eigentlich zustande?

In den Diskursen über Digitalisierung spielt diese Frage kaum eine Rolle. Die notwendige Arbeit, um große Datenmengen aufzubereiten, auszuwerten und schließlich in Algorithmen zu überführen, wird gerne vergessen. Nicht zuletzt haben große Technologieunternehmen ein Interesse daran, als Habitate weniger Genies anstelle von Arbeitsstätten wachsender Heere hochbezahlter „Tech Workers“ zu erscheinen. Doch insbesondere der Arbeitsbereich rund um Daten ist zu einem eigenständigen Berufsfeld herangereift: dem Feld der „Data Scientists“. Immer mehr Arbeitgeber suchen händeringend nach Vertretern dieser schillernden neuen Zunft.

Aus soziologischer Perspektive stellt sich die Frage, warum nun ausgerechnet eine neue Berufsgruppe für die Bewältigung der digitalen Datenmengen entstanden ist. Warum konnten nicht Statistikerinnen und Statistiker, Informatikerinnen und Informatiker diesen neuen Tätigkeitsbereich für sich reklamieren? Mittels Weiterbildung hätten etablierte Professionen die Expertise entwickeln können.

Der Autor

Robert Dorschel ist Soziologe. Er promoviert an der Universität Cambridge.

Stattdessen besetzen Data Scientists neue Stellen und quer durch alle Länder wuchern Data-Science-Studiengänge aus dem Boden. Wie konnte es zu dieser Veränderung der Berufswelt kommen?

Diesbezüglich sticht hervor, dass Data Scientists geschickt das Image von antisozialen „nerds“ hinter sich gelassen haben. Das war spätestens klar, als Barack Obama 2015 Dhanurjay Patil als ersten Data Scientist des Weißen Hauses berief. Patil, auch genannt DJ Patil, entspricht nicht dem Bild eines Hackers mit Gryffindor-T-Shirt. In Interviews verbindet er gekonnt technisches Wissen mit einem redegewandten und empathischen Habitus. Data Scientists positionieren sich als Professionals, die technische Expertise mit Kommunikationskompetenz kombinieren. Sie scheinen zu wissen, dass man den evolutionären Kampf gegen die Maschinen nicht mit „hard skills“, sondern mit „soft skills“ gewinnt.

Jenseits der Berufswelt steht der Aufstieg der Data Scientists auch in Verbindung mit dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach Einzigartigkeit und Singularität. Niemand will mehr augenscheinliche Standardprodukte. Data Scientists reiten diesen Trend. Von ihrer Expertise erhofft man sich maßgeschneiderte Produktempfehlungen nicht nur für Streamingplattformen, sondern ebenfalls im Bereich der Bildung oder Gesundheit. Nicht zuletzt soll Data Science auch der industriellen Produktion einen Individualisierungsschub verleihen.

Darüber hinaus ist festzustellen, dass Data Scientists die Moralisierung der Gesellschaft zu navigieren wissen. Seit einigen Jahren wird die Macht der Daten nicht nur bei Verletzungen der Privatsphäre, sondern auch hinsichtlich der Produktion von Diskriminierung problematisiert.

Data Scientists machen aus der Not eine Tugend. Neuerdings veranstalten sie etwa Data-Science-Kongresse, die einen ethischen Umgang mit Daten proklamieren. Neben dem Schutz der Privatsphäre geht es vor allem um die Generierung von vorurteilsfreien Algorithmen. Damit knüpfen Data Scientists geschickt an identitätspolitische Diskurse an und positionieren sich als Zunft, die verantwortungsvoll mit dem sensiblen Gut der Daten umgeht. Ob und wie der Diskurs sich in die Praxis übersetzt, bleibt jedoch abzuwarten.

Der Aufstieg der Data Scientists sollte uns daher als Bürgerinnen und Bürger interessieren. Mit ihrem Einfluss auf unsere digitalen Aktivitäten sind Data Scientists die Stadtplanerinnen und Stadtplaner unserer virtuellen Welten. Die Gesellschaft muss sich die Frage stellen, wie viel Autonomie sie den Data Scientists dabei zukommen lassen will. Vertrauen wir ihnen und den Unternehmen, bei denen sie beschäftigt sind an, die digitale Gesellschaft zu programmieren, zu designen und letztlich auch zu steuern? Oder sollten demokratische Gremien und Ausschüsse über eine ethische und gemeinwohlorientierte Berufsausübung stärker wachen? So oder so ist es an der Zeit, die berufliche Hinterbühne der Datenwelt stärker in den Blick zu nehmen.

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