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Die fatale Politik der Pharmakonzerne

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Erst kam vom Impfstoff der Firmen Biontec und Pfizer kaum etwas in den armen Ländern an, jetzt werden versiegelte Labore geliefert, statt Produktionsstätten vor Ort zu nutzen.
Erst kam vom Impfstoff der Firmen Biontec und Pfizer kaum etwas in den armen Ländern an, jetzt werden versiegelte Labore nach Afrika geliefert, statt Produktionsstätten vor Ort zu nutzen. © Georgios Kefalas/dpa

Biontech will mobile Impfstofffabriken in Containern nach Ruanda und Senegal schicken. Das soll angeblich „Impfgerechtigkeit in Afrika“ schaffen, ist aber tatsächlich ein neokoloniales Projekt. Der Gastbeitrag von Tian Johnson.

In Deutschland wird Biontech als Erfolgsgeschichte gepriesen. Für uns im Globalen Süden stellt sich die Geschichte anders dar. Biontechs Impfstoff hat es möglich gemacht, in einigen Ländern über 70 Prozent der Bevölkerung zu impfen. In einigen reichen Ländern wohlgemerkt. Bisher haben nur 24 Prozent von uns Menschen in Afrika überhaupt eine Dosis erhalten.

Nur ein Prozent der von Biontech/Pfizer 2021 produzierten Impfstoffe wurden in Länder mit niedrigem Einkommen geliefert – ein Ergebnis von überhöhten Preisen und Geschäftemacherei im Windschatten der Pandemie. Auf diese Weise und mit Hunderten Millionen Euro öffentlicher Förderung hat Biontech letztes Jahr einen Nettogewinn von 10,3 Milliarden Euro verzeichnet. Dieser Gewinn hat CEO Ugur Sahin zu einem der elf Milliardäre gemacht, die mit Covid-19-Impfstoffen an ihr Vermögen gekommen sind.

Während die Nachfrage für Impfstoffe in den wohlhabenden Ländern für einige Monate gesättigt ist und die WHO ihre eigene Impfstoffproduktion auf die Wege gebracht hat, plant Biontech nun, versiegelte Labore nach Afrika zu schicken und brandet sie wie das neuste technologische Gimmick als „BioNTainer“.

Das ist keine karitative Anwandlung des Unternehmens, sondern eine ähnliche Mystifizierung von Technologie wie zu Zeiten des Kolonialismus, als Europäer technologische Vorsprünge benutzten, um die Kolonialherrschaft zu „rechtfertigen“: Die Kolonisierten seien prinzipiell ungeeignet, Zugang zu europäischen Technologien zu erlernen und dauerhaft auf „Hilfe“ angewiesen.

Es gibt da einen Elefanten im Reinraum: Warum sollten Impfstofffabriken portabel sein? Biontechs Hauptargument ist die Behauptung, dass es in afrikanischen Ländern vollständig an technologischen Voraussetzungen mangele.

Wie CEO Sahin im Februar erklärte: „Eine der zentralen Herausforderungen ist, dass mRNA-Impfstoff-Produktion nur an ein paar Orten weltweit verfügbar ist und Regionen wie Afrika haben keine eigenen Produktionsstätten.“ Bei Biontech weiß man sehr genau, dass das nicht stimmt. Vergangenen Juli hat die WHO gemeinsam mit afrikanischen Organisationen und Unternehmen einen mRNA-Hub in Südafrika eingerichtet, um einen Impfstoff frei von Patentrechten zu entwickeln und endlich in einkommensschwachen Ländern eine Eigenversorgung hochzuziehen. Weitere Einrichtungen sind in Ägypten, Kenia, Nigeria, Senegal und Tunesien geplant. Biontech hat nicht nur dem Hub jeden Technologietransfer verweigert, das Unternehmen hat sogar versucht, seine Arbeit aktiv zu behindern, wie das „British Medical Journal“ berichtete.

Neben dem WHO-Hub hat eine von Ärzte ohne Grenzen in Auftrag gegebene Studie 120 Produktionstätten im Globalen Süden identifiziert, die innerhalb von sechs Monaten mRNA-Impfstoffe herstellen könnten, acht davon in Afrika. Die „BioNTainer“ werden erst in der zweiten Hälfte dieses Jahres verschickt und gehen 2024 in Produktion mit einem Jahresumsatz von 50 Millionen Dosen. Allein die afrikanischen Länder werden für die Erstimpfung noch Hunderte von Millionen Dosen benötigen.

Einige wenige wohlhabende Länder, darunter maßgeblich Deutschland, blockieren weiterhin die Freigabe des geistigen Eigentums auf Mittel zur Pandemiebekämpfung, was mittlerweile selbst die Vereinten Nationen als rassistische Diskriminierung verurteilen. Aber auch die Pharmakonzerne machen sich mitschuldig daran, dass Menschen durch Corona sterben, obwohl es vermeidbar wäre.

Dass Biontech alle Produktionsstätten im Globalen Süden umgeht, die viel schneller in Produktion gehen könnten, belegt, dass der Konzern zu allem bereit ist, um sein Monopol auf lebensrettende Impfstofftechnologie zu erhalten. Die „BioNTainer“ sind ein Werkzeug, mit dem Biontech mRNA-Technologie mystifizieren will auf eine Weise, in welcher die europäischen Kolonialherren den technologischen Vorsprung benutzt haben, um ihre Gewaltherrschaft über den Kontinent zu mystifizieren, den ich mein Zuhause nenne.

Die Pharmakonzerne scheinen nur allzu gut zu verstehen, dass das Ende der Pandemie nicht in ihrem finanziellen Interesse ist.

Tian Johnson ist Gründer und Lead der in Johannesburg ansässigen African Alliance, die sich für den Ausbau des Gesundheitswesens in Afrika einsetzt und unter anderem von der Heinrich-Böll-Stiftung gefördert wird.

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