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Vorteil der Videokonferenzen in der Corona-Krise: Die Diskutanten hören einander zu und lassen sich ausreden.

Jetzt beginnt Phase 2

Deutschland als Versuchslabor: Corona testet unsere Kultur einer freien Debatte

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Nach dem Charaktertest kommt die Kulturfrage: Mit wie viel Respekt für Vielfalt bewältigen wir die Corona-Krise?

Panik und Angst haben die erste Phase der Corona-Krise bestimmt. Schreckensbilder kamen aus Norditalien. Aus Bayern wurden kurzfristig massiv ansteigende Krankheitszahlen gemeldet. Die unglaubliche Zahl von 10.000 Toten in New York machte uns klar, dass wir Covid-19 als Krankheit ernst nehmen müssen. Das ist keine Grippe, die Ausmaße sind deutlich schlimmer. Durch Covid-19 sterben derzeit mehr Menschen als sonst.

In dieser ersten Phase der Pandemie war schnelles und entschlossenes Handeln richtig. Oberstes Ziel war, die Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern.

Die Corona-Krise zeigt: Solidarität trägt sichtbare Früchte

Inzwischen ist deutlich, dass Gesellschaften mit intaktem Sozialstaat die Krise besser bewältigen. Man könnte auch sagen, Länder mit sozialdemokratischer Geschichte waren besser vorbereitet, weil sie signifikante Steuern erhoben und diese in den sozialen Sektor investiert haben.

Diese Vorstellung von einem solidarisch Staat trägt sichtbare Früchte, auch wenn wir gleichzeitig die neuen Schwächen des immer mehr privatisierten Gesundheitswesens erkennen.

Nach der ersten Panikphase kommt nun die zweite Phase des Lernens. Hat der Beginn der Corona-Krise den Charakter jedes Einzelnen auf die Probe gestellt, wird nun unsere Kultur des gemeinsamen vielfältigen Verhandelns geprüft. Die Frage ist: Wie lernfähig sind wir? Wie schnell testen wir Lösungsvorschläge? Wie schnell setzen wir Verbesserungen um?

Die deutsche Gesellschaft hat eine erfolgreiche Methode dazu entwickelt: Sie heißt Freiheit. Bis jetzt ist keine wirkungsvollere Alternative bekannt.

Corona-Krise: Merkel setzt mit der „Öffnungsdiskussionsorgie“ den falschen Impuls

Es ist erstaunlich, wie viele Menschen sich inzwischen mit komplizierten Statistiken auskennen und Werte auf hohem Niveau diskutieren. Wer Fakten interpretiert, muss mit Widersprüchen leben. Ohne Fakten keine eigene Meinung. Ohne eigene Meinung keine Freiheit.

Die erste Voraussetzung dafür ist, dass die Kultur des offenen Austauschs überall gepflegt wird. Jede Zahl muss angezweifelt werden dürfen und es braucht die angstfreie Diskussion. Merkels Wort von der „Öffnungsdiskussionsorgie“ wurde bereits zu Recht kritisiert. In dieser zweiten Lernphase setzt Merkel den völlig falschen Impuls. Nötig wäre eine Ermunterung zur Debatte.

Die zweite Voraussetzung ist der Respekt vor der Vielfalt der Meinungen. Auch Deutschland hat vor der Corona-Krise eine enorme Zuspitzung und Polarisierung der politischen Auseinandersetzung erlebt, in der jede politische Debatte um Lösungen in Polemik und Shitstorms in sozialen Medien unterging.

Wie wohltuend ist es dagegen, dass die hetzenden Schreihälse der AfD während der Corona-Krise kaum noch zu hören sind, weil sie nichts beitragen.

In der Corona-Krise hört man sich plötzlich zu

In den Talksendungen im Fernsehen ist eine neue Gesprächskultur eingekehrt. Da viele über Video zugeschaltet sind, hören die Diskutanten einander zu und lassen sich ausreden. Es wird über Inhalte geredet – ungewöhnlich.

Der Lockdown ist die größte Maßnahme und auch die größte Prüfung für diese Lernkultur. Er ist so einschneidend, dass er zu Recht vielfach hinterfragt wird. Die Beschränkungen haben dazu beigetragen, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wurde. Dieses Ziel wurde erreicht.

Aber sie haben wohl nicht dazu geführt, dass die Verdopplungsrate des Coronavirus signifikant gesenkt wurde. Das bedeutet nicht, dass die Gefahr vorüber ist und alle Maßnahmen wirkungslos sind. Im Gegenteil: Wir brauchen eher mehr als weniger Ideen für die Einschränkungen.

Maskenpflicht, Ladenöffnungen und Lockerungen in der Corona-Krise: Einfach mal ausprobieren

So nervig die uneinheitlichen Regelungen für Maskenpflicht, Ladenöffnungen und Lockerungen sind: Es ist genau richtig viel auszuprobieren. Es ist genau richtig lokale Besonderheiten zu berücksichtigen. Dies auszuhalten ist eine Prüfung für die Kultur jedes Einzelnen.

Deutschland ist gerade ein Versuchslabor für schrittweise Lockerungen. Öffnen, messen, diskutieren, verbessern. Viele Firmen und Behörden holen im Zeitraffer die Versäumnisse des letzten Jahrzehnts nach. Am Beispiel der Schulen ist zu sehen, dass dies nicht anders als schrittweise gelingen kann.

Die Zeit der ersten Panik sollte jetzt vorbei sein. Wir haben Respekt vor der Gefahr, die Corona innewohnt, aber wir lassen uns nicht einschüchtern. Mit dieser Ruhe können wir den Blick von unserer eigenen Betroffenheit auf die lenken, die wesentlich schlechtere Voraussetzungen zur Bewältigung der Krise haben als wir selbst.

Nach der Angst vor dem Coronavirus kommt die Angst um die Existenz

Wenn wir eines aus der Corona-Krise gelernt haben: Wir leben in einem hochvernetzten weltweiten System. Wir können nicht mehr die Augen verschließen vor der Ungerechtigkeit und dem Leid, das in der Lieferkette des Lebens am Ende auch uns berührt.

Das wird die Aufgabe der dritten Phase werden und die steht uns noch bevor. Nach der Angst vor dem Virus kommt für viele Menschen in Deutschland und weltweit die Angst um die eigene Existenz. Deswegen muss diese neue Phase auch die Zeit der menschlichen Solidarität sein, gerade wenn man selbst vielleicht mit einem blauen Auge davongekommen ist.

Von Thomas Kaspar

Das Coronavirus und die Statistik: Was Corona-Zahlen sagen – und was nicht. Ein Interview mit dem Psychologen und Risiko-Experten Gerd Gigerenzer.

Was passiert in der Corona-Krise in Deutschland? Wie wirkt sich das Coronavirus auf das Land aus? Aktuelles rund um das Coronavirus in Deutschland gibt es in unserem News-Ticker.

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