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Er will schnelle politische Erfolge statt über Strategien zu reden: Donald Trump bei seiner Rede zur Nation.

Leitartikel

Trumps Abzug macht nichts besser

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Ob in Syrien oder Afghanistan: Sollte Trump die Truppen abziehen, würden Flüchtlingszahlen und Terrorgefahr steigen. Auch in Europa.

Merkwürdig ruhig und gelassen reagieren Außenminister Heiko Maas und die deutsche Öffentlichkeit, nachdem der Rückzug der US-Soldaten aus Syrien und Afghanistan immer näher rückt. Es wirkt so, als ob hierzulande niemand etwas mit den Folgen der Entscheidung von US-Präsident Donald Trump zu tun hat.

Doch in beiden Fällen sind Deutschland und die anderen EU-Staaten viel stärker betroffen als vielen derzeit klar zu sein scheint. Für Syrien und Afghanistan droht ein trauriger Satz wahr zu werden: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg. Und die Folgen werden erneut in Europa spürbar und sichtbar werden.

Denn in Syrien ist der selbst ernannte Islamische Staat mitnichten besiegt, wie es Trump behauptet. Es gibt nach den vielen Kämpfen mit Soldaten der Anti-IS-Koalition lediglich weniger IS-Kämpfer, die kaum noch Land kontrollieren. Sie verschwinden aber nicht, sondern werden zu dem, was sie waren, bevor sie das Kalifat ausgerufen hatten: Sie werden zu einer Terrorgruppe, die mit Anschlägen weiter Menschen töten wird. Ihre Ziele waren bisher Orte in Syrien, im Irak – und eben in Europa.

Gepanzerte Fahrzeuge der US-Armee im Einsatz in Syrien (Archivbild).

Außerdem drohen durch den angekündigten US-Truppenabzug einige Konflikte in Syrien zu eskalieren, in deren Folge wieder viele Menschen flüchten werden – mit den bekannten Folgen. Denn zum einen wird der syrische Diktator Baschar al-Assad schon bald verstärkt darauf drängen, wieder das gesamte Land zu kontrollieren wie vor Ausbruch des Bürgerkriegs. Dem stehen im Nordwesten die letzten Widerstandsgruppen und im Norden die türkischen Soldaten im Weg, die Teile Syriens besetzt haben, um den Einfluss der syrischen Kurden einzudämmen.

Für weiteres Ungemach sorgen Assads Verbündete aus dem Iran. Deren Milizen rücken immer näher an die syrisch-israelische Grenze. Israel hat bereits in den vergangenen Monaten mehrfach Ziele in Syrien angegriffen, um diesen Vormarsch zu stoppen. So oder so: Der angekündigte US-Abzug wird in Syrien nichts besser machen.

In Afghanistan wächst die Sorge

Ein ähnlich alarmierendes Bild ergibt sich in Afghanistan. Wenn die US-Armee tatsächlich abzieht, dann werden auch die Bundeswehr und alle anderen Soldaten der internationalen Gemeinschaft das Land verlassen müssen, weil sie früher oder später auf die Fähigkeiten der US-Amerikaner angewiesen sind. Das Ende des umstrittenen, 17-jährigen Auslandseinsatzes dürfte hierzulande nur wenige aufregen.

In Afghanistan sieht das ganz anders aus. Dort wächst die Sorge, dass die US-Delegation zwar in einem angestrebten Friedensschluss mit den Taliban diese dazu verpflichtet, künftig die Terrororganisationen Al-Kaida und IS zu bekämpfen, damit sie keine Anschläge in anderen Ländern wie den USA verüben können. Außerdem werden die Aufständischen versprechen müssen, nicht alle Fortschritte rückgängig zu machen, die die internationale Gemeinschaft seit dem Sieg über das Taliban-Regime 2001 gebracht hat. Sie werden also die verhasste Regierung zunächst womöglich nicht aus dem Amt jagen, sie werden die Entwicklungsprojekte und Mädchenschulen nicht zerstören. Doch Afghaninnen und Afghanen fragen sich, wie lange die Taliban diese Verpflichtungen einhalten?

Donald Trump will kein Ende des Kriegs gegen den Terror

Gewiss, es gibt gute Gründe, über den internationalen Einsatz zu diskutieren. Er müsste bilanziert und analysiert werden, um die zahlreichen Fehler zu beseitigen – durchaus mit dem Ziel, den ersehnten Abzug der internationalen Soldaten zu beschleunigen. Doch darauf zielt US-Präsident Trump nicht ab.

Er will auch nicht den desaströsen Krieg gegen den Terror beenden, den sein Vorgänger Georg W. Bush seinerzeit begann und den bisher kein US-Präsident abschloss. Dann würden nicht mehr Menschen ohne Gerichtsverfahren verurteilt und mit Hilfe von Drohnen gezielt getötet werden, nur weil US-Geheimdienste zu dem Schluss gekommen sind, sie würden die Vereinigten Staaten bedrohen. Es würden auch viele umstrittene Überwachungsmaßnahmen nicht mehr durchgeführt, die nach Darstellung der US-Behörden die Sicherheit des Landes sichern helfen, aber die so viele Kritiker beendet wissen wollen – auch weil sie in Ländern wie Afghanistan blutige Konflikte befeuern.

Mit anderen Worten: US-Präsident Trump will nicht darüber sprechen, mit welchen Strategien, Methoden und Mitteln die Kriege in Afghanistan und Syrien befriedet werden könnten. Er will stattdessen vor allem mit schnellen politischen Erfolgen wie dem angekündigten Abzug aus Syrien und Afghanistan seine Anhänger bei Laune halten und damit seine Wiederwahl ermöglichen. Die Verantwortung für die Folgen der Entscheidungen früherer US-Regierungen spielen in seinen Überlegungen keine Rolle.

Zu hoffen bleibt, dass die US-Geheimdienste ihrem Präsidenten bezüglich des geplanten Abzugs nicht nur widersprechen, sondern mit Demokraten und Republikanern zusammen Trumps Pläne vereiteln. Dann würden zwar nicht alle Probleme gelöst, aber doch das Schlimmste verhindert werden können.

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