Eine Geflüchtete steht am Strand der griechischen Insel Lesbos. 
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Eine Geflüchtete steht am Strand der griechischen Insel Lesbos. 

Kolumne

Deutschland ist eben ein Einwanderungsland

  • Michael Herl
    vonMichael Herl
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Es ist normal, dass Zugezogene unsere Gesellschaft am Funktionieren halten. Die Kolumne.

Eigentlich ist es ja schon so normal geworden, dass es gar nicht mehr sonderlich auffällt. Die Älteren werden sich erinnern: Bestellte man vor 25 Jahren die Handwerker, weil die Heizung defekt war, kamen die schnell. Vorneweg ein alter deutscher Meister und mit gebührendem Abstand ein junger deutscher Lehrling, wie es damals noch hieß.

Der Meister war grundsätzlich schlecht gelaunt, schimpfte bei gutem Wetter über die Hitze, bei schlechtem Wetter über die Kälte und bei jedem Wetter über die Dösbackigkeit des Kunden und die Unfähigkeit des Lehrlings. Ging die Heizung wieder, steckte er grantelnd das Trinkgeld ein und stapfte mürrisch wieder davon. Der Lehrling folgte schweigend und das Werkzeug schleppend.

War vor 15 Jahren die Wohnung kalt, kamen nach einigen Tagen wieder zwei Blaumänner von derselben Firma. Der alte Deutsche war im Ruhestand, nun war der einstige Lehrling der Meister, im Gefolge hatte er einen Lehrling aus dem ehemaligen Jugoslawien. Die beiden traten schon eher als Team auf.

Ähnlich wie sein einstiger Lehrherr moserte der neue Alte zwar auch ständig herum, erklärte dem Jungen aber viel. Der nahm auch alles begierig auf, wenngleich er nur gebrochen Deutsch sprach. Doch er mühte sich. Das Trinkgeld steckte der Meister ein. Ob er es später mit dem Jungen teilte, weiß ich nicht.

Deutschland ist ein Einwanderungsland 

Unlängst ging die Heizung wieder nicht. Obwohl man so viel hört von langen Wartezeiten, kamen schon nach wenigen Tagen zwei Männer, abermals von der Firma, mit der mein Hauswirt schon seit Jahrzehnten zusammenarbeitet.

Die schickte dieses Mal einen älteren Meister mit exjugoslawischem Migrationshintergrund und mittlerweile nahezu perfekten Deutschkenntnissen und einen jungen dunkelhäutigen Auszubildenden, der mit seinen Eltern vor einigen Jahren aus Angola nach Deutschland gezogen war, sich hier eine Zukunft aufzubauen. Sie arbeiteten schnell, sauber und gründlich und waren beide ungemein freundlich. Das Trinkgeld teilte der Meister sofort mit seinem jungen Kollegen.

Deutschland ist ein Einwanderungsland, das haben mittlerweile sogar CDU und CSU begriffen. Doch nie habe ich den Bevölkerungswandel so anschaulich erlebt wie in den beschriebenen Fällen anhand dreier Handwerkergenerationen.

„Gastarbeiter“ verrichten Arbeiten, für die wir uns zu schade waren 

Üblicherweise fällt uns das gar nicht mehr so recht auf, denn es ist zur Normalität geworden, dass zugezogene Menschen unsere Gesellschaft am Funktionieren halten. Das war schon früher so, allerdings mit einem großen Unterschied. Einst waren es „Gastarbeiter“, die Tätigkeiten verrichteten, für die wir uns zu schade waren.

Heute sind diese Leute Deutsche wie alle anderen auch, und sie machen nicht mehr nur die Drecksarbeiten, sondern sind auch qualifizierte Handwerker, Ärzte, Architekten, Anwälte – selbstverständlich auch Handwerkerinnen, Ärztinnen, Architektinnen und Anwältinnen. Damit sind wir bei einer wünschenswerten weiteren Entwicklung.

Irgendwann nämlich wird bei einem Ausfall der Heizung eine Meisterin mit libyschem Migrationshintergrund kommen, gerne mit Kopftuch – zusammen mit einem jungen deutschen Auszubildenden, einem biodeutschen, um diesen unsäglichen Ausdruck ein einziges Mal zu benutzen. Sollte ich das noch erleben dürfen, wird es mir ein Freudentag sein.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

Auf der griechischen Insel Lesbos spielen sich nach dem Erpressungsversuch der Türkei gewaltsame Szenen ab. Das Versagen der EU im Umgang mit Flüchtlingen zeigt sich dort wie unter dem Brennglas.

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