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Die Pizza mit Ananas hingerichtet. Man nennt es dann "Hawaii".

Kolumne

Die Deutschen: Mediterraner als Italiener?

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Viele Deutsche leben, wie es in Mittelmeerländern undenkbar wäre. Aber sind wir deswegen lockerer? Die Kolumne.

Eigentlich hat ja niemand etwas dagegen. Ganz im Gegenteil. Wenn von einer „Mediterranisierung“ unserer Gesellschaft die Rede ist, geschieht das immer mit einem wohligen Unterton. Ob Soziologen, Meteorologen, Städteplaner oder Gastronomen, alle setzen diesen Begriff immer in ein Nest des Wahren, Schönen und Guten.

In ihren Ausführungen schwingt dann ein Hauch von Lockerheit mit, von Unverbissenheit und Lässigkeit, oftmals garniert mit undeutschen Begrifflichkeiten wie „Laissez faire“, „Savoir vivre“ oder „Dolce vita“. In Zusammenhang mit dem negativ besetzten Klimawandel ist von Mediterranisierung nie die Rede – wobei sich dies doch eigentlich anböte.

Was ist die „Vermittelmeerung“?

Was ist sie also, dieses Mediterranisierung? Wörtlich „Vermittelmeerung“, okay, aber was bedeutet das? Am Mittelmeer ist es in der Regel wärmer als bei uns, also verbindet man den Begriff automatisch mit „draußen“. Aber was war dieses Draußen früher in Deutschland? War man nicht aus beruflichen Gründen gezwungen, sich etwa als Maurer, Förster oder Gärtner dort aufzuhalten, nutzte man es für Steckenpferde wie Sport, Angeln, Kleingärtnern oder Wandern.

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Unter freiem Himmel essen und trinken hingegen fand eher selten statt. Dafür gab es, besonders in Bayern, einige Biergärten und einmal im Jahr Anlässe wie Schützenfeste und Kirchweihen – das war’s dann aber auch schon.

So gut wie gar keine Gaststätte hatte Tische und Stühle in Höfen und Gärten stehen, auf dem Gehweg schon mal gar nicht. Das war verpönt. Die Nachbarn hätten dann doch sehen können, wie man sich der Geselligkeit preisgibt. So etwas war damals undenkbar, galt schier als frivol, ein absolutes „No-Go“, wie man heute sagen würde.

Zaghaft Tische und einige Stühle raus gestellt

Das änderte sich auch nicht, nachdem die ersten Teutonen Mitte der Fünfzigerjahre ihren Urlaub in Bella Italia verbrachten. Sie berichteten zwar mit glänzenden Augen von dem bunten Treiben im südlichen Draußen, doch es blieb bei Schilderungen aus exotischen Gefilden.

Es sollte denn auch noch mehr als dreißig Jahre dauern, bis auch bei uns die ersten Wirte zaghaft einen Tisch und einige Stühle auf das Trottoir platzierten, argwöhnisch beäugt von den Ordnungsämtern. Die Behörden wehrten sich jedoch vergebens.

Fortan wurde die Mediterranisierung mit preußischer Gründlichkeit exerziert, und die Deutschen geben sich plötzlich einem Lebensstil hin, wie er selbst in Mittelmeerländern undenkbar wäre. Gegrillt wird heute auch im tiefsten Winter, Spaghetti Carbonara richtet man mit Sahne und Formvorderschinken hin, Lokale ohne Freisitze gehen im Sommer pleite, Bankangestellte tragen kurze Hosen und Gerichtsvollzieher Ohrringe.

Merlot von der Mosel

Pizzerien backen „Pizza Bierschinken“ und Metzgereien „Pizza-Fleischkäse“, Oberstudienräte verabschieden sich mit einem lässigen „Ciao“, ganz normale Menschen watscheln über die Straße, als kämen sie gerade zu Hause aus dem Bad; da wir das Mittelmeer leer gefressen haben, futtern wir nun Frutti di mare aus vietnamesischer Aquakultur, und dank des Klimawandels wächst an der Mosel Merlot.

Wir gerieren uns so, wie sich unsere Altvorderen in kühnsten Träumen ein mediterranes Leben vorstellten. Aber sind wir deswegen lockerer, nonchalanter und unverkrampfter geworden? Es darf bezweifelt werden.

Michael Herl ist Autor und Theatermacher.

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