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Deutsche Einheit: Im Osten wie im Westen braucht es mehr Selbstkritik

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Von: Markus Decker

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Dauerbaustelle Deutsche Einheit.
Dauerbaustelle Deutsche Einheit. © Jens Wolf/dpa (Archiv)

Bald 33 Jahre nach dem Fall der Mauer braucht es beidseits der alten Grenze mehr Selbstkritik. Die Arbeit des Ostbeauftragten der Bundesregierung, Carsten Schneider, ist dabei von Nutzen. Der leitartikel.

Der Ostbeauftragte der Bundesregierung versucht in diesem Jahr mal etwas Neues. Das wurde auch höchste Zeit. Statt wie üblich kurz vor dem 3. Oktober einen Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit abzugeben, der auflistet, wo die gar nicht mehr neuen Bundesländer bald 33 Jahre nach dem Fall der Mauer unverändert hinterherhinken, ändert Carsten Schneider die Perspektive – und das gleich doppelt.

Der Sozialdemokrat wehrt sich schon im Vorwort des Berichtes dagegen, dass der Westen als nicht hinterfragbarer „Vergleichsmaßstab“ dient. Er schreibt: „Das vereinte Deutschland ist heute kein ‚Westdeutschland plus‘, sondern ein vollständig neues Land.“ Das ist, um in Schneiders Vokabular zu bleiben, „auch gut so“. Zugleich hat der Ostbeauftragte Gastautor:innen eingeladen, ihrerseits einen Blick auf die Verhältnisse zu werfen. Da geht es zum Beispiel um Fußball. Das wirkt erfrischend und weckt Neugier.

Nur, ganz so einfach ist es dann doch nicht. Richtig ist, dass die Jahresberichte zuletzt wenig Nutzen und viel Schaden anrichteten. Im besten Fall wurden sie übersehen. Eben weil der Westen stets Vergleichsmaßstab war, konnte er sich bequem zurücklehnen, während der Osten unter dieser Sichtweise litt, die zwangsläufig Minderwertigkeitsgefühle und damit Zorn produziert.

Dabei sind die Jahre seit der Wiedervereinigung eine gesamtdeutsche Geschichte. Das gilt zum Beispiel für die Besitzverhältnisse – oder die Elitenbildung. Dass zahlreiche Immobilien in Leipzig oder Erfurt Westdeutschen gehören und selbst ostdeutsche Spitzenposten oft nicht von Ostdeutschen besetzt werden, geht beide Landesteile etwas an. Westdeutsche müssen begreifen, dass ihre anhaltende Dominanz auch ein Problem ist.

Richtig ist ferner, dass sich in Teilen Ostdeutschlands ökonomisch etwas tut. Ein gravierendes Defizit der Einheit besteht ja darin, dass die meisten Konzernzentralen im Westen stehen. Der zwischenzeitlich hoffnungsfrohe Aufbau neuer Industriezweige wie im Bitterfelder Solar Valley scheiterte. Mit den Ansiedlungen von Tesla in Brandenburg und Intel in Sachsen-Anhalt ändert sich das jetzt womöglich grundlegend.

Allerdings muss man auch darüber sprechen, dass in anderen Teilen Ostdeutschlands wie Sachsen oder Thüringen der überwiegend rechte Extremismus alarmierend voranschreitet. Hier wie da liegt die AfD in Umfragen vorn. Die Linke möchte vom süßen Gift des Populismus bisweilen ebenfalls nicht lassen. Und über die Russland-Politik des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer hat sein CDU-Parteifreund Marco Wanderwitz soeben den erschütternd zutreffenden Satz gesagt: „Er agiert wie ein Geisterfahrer, der glaubt, nicht er, sondern alle anderen würden in die falsche Richtung fahren.“

Schneider weist auf die vielerorts positive Entwicklung der Zivilgesellschaft in Ostdeutschland hin. Es führt aber kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass in einzelnen Regionen die Demokratie in Gefahr ist – und das akut. Und selbst wenn stimmt, dass die Energiekrise Ostdeutschland nicht zuletzt deshalb härter trifft, weil Menschen dort weniger finanzielle Polster haben: Viele Ostdeutsche müssen sich fragen, warum sie bei den Themen Flucht und Asyl, Corona und Ukraine von Solidarität wenig wissen wollten und wollen, obwohl sie sich auf die Solidarität in der DDR einiges zugutehalten.

Nicht Fremd-, sondern Selbstkritik diesseits und jenseits der alten Mauer – das ist es, was wir brauchen. Dabei ist Carsten Schneiders Perspektivwechsel von Nutzen. Dass die Westdeutschen wie Nachhilfelehrer erscheinen, die sich zu den ostdeutschen Nachhilfeschülern hinunterbeugen, hilft niemandem.

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