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Deutsche Autobauer müssen umdenken

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Von: Frank-Thomas Wenzel

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Deutsche Autohersteller müssen künftig neue Wege beschreiten.
Deutsche Autohersteller müssen künftig neue Wege beschreiten. © dpa

Hiesige Autohersteller müssen ihr Geschäftsmodell ändern. Künftig wird es nicht mehr reichen, lediglich Fahrzeuge zu bauen.

Welche Marke wächst auf dem deutschen Automarkt am schnellsten? Tesla. Der US-Elektroautobauer hat die Zahl der Neuzulassungen im August um 119 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat gesteigert. Die Stromer aus Kalifornien machen sich unübersehbar breit. Das Model S hat offenbar unter Wohlhabenden, die sich für technisch avancierte Pkw interessieren, einen extrem hohen Prestigefaktor. Nicht mehr Porsche, sondern Tesla ist cool. Deshalb hat die deutsche Automobilbranche ein Problem. Die ist vom Premiummarkt abhängig. 

Mit Luxus-Pkw kann nur erfolgreich sein, wer den Kunden die Story von der technischen Überlegenheit glaubwürdig erzählt. Audi, Mercedes, BMW und Porsche wollen diese Geschichte auf der IAA mit alten Mitteln, mit blankpolierten Ventilen, Kolben und Nockenwellen von 1000-PS-Motoren erzählen. 

Tesla-Gründer und -Chef Elon Musk, der allen Autoshows fernbleibt, erzählt die Story auf eine neue Weise. Mit seiner Vision einer neuen, elektrischen Mobilität. Und er macht die Umsetzbarkeit mit seiner Biografie glaubhaft. Erst baute er den Internet-Bezahldienst Paypal auf, dann verkaufte er ihn an Ebay, was ihm Milliarden einbrachte. Ein Aufschneider? Vielleicht. Ein Spinner? Nein. Gerade wird die Fertigung des Model 3 hochgefahren: Klar, das Projekt eines Elektroautos für den Massenmarkt ist ein höchst waghalsiges Unterfangen. 

Selbst wenn er damit scheitert: Der Platz im Pantheon der Automobil-Pioniere ist ihm sicher. Weil er den Weg in die neue Welt weist. Das hat viel mit seiner IT-/Internetvergangenheit zu tun. Musk agiert genau wie die anderen im Silicon Valley, etwa wie die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin oder der Amazon-Boss Jeff Bezos. 

Letzterer steckt systematisch einen Teil der Amazon-Einnahmen in Investitionen. Dass das Unternehmen Verluste macht, kümmert ihn wenig. Oder Page/Brin: Vor zehn Jahren kauften sie die Videoplattform Youtube für 1,65 Milliarden Euro. Über viele Jahre hat Youtube pro Monat geschätzte zehn Millionen Dollar Verlust eingefahren. Doch zugleich wurde Youtube zur wichtigsten Plattform für bewegte Bilder im Internet ausgebaut. Heute ist sie nach Expertenschätzungen 70 Milliarden Dollar wert. Die Investition hat sich gelohnt. 

Das entspricht Musks Art zu denken. Er hat erkannt, dass der Moment für das E-Auto in großem Stil gekommen ist, obwohl er in den nächsten vier, fünf Jahren damit keine Gewinne machen kann. Ihm geht es aber darum, technologisches Know-how zu akkumulieren und sich im E-Autogeschäft Marktanteile zu sichern. Nur wer so denkt, kann in der Autobranche der Zukunft erfolgreich sein.

Indes: Das Fortschrittlichste mit Serienreife, was aber beinahe verschämt auf der IAA präsentiert wird, ist der Ampera-e von Opel – ein E-Auto, das von General Motors, der Ex-Mutter des Rüsselsheimer Unternehmens entwickelt wurde. Von den deutschen Autobauern ist kein einziges wirklich neues Elektroauto zu sehen, das für den Einsatz im Alltag bereit ist. Stattdessen gibt es erneut Konzeptfahrzeuge zuhauf zu sehen, die sich niemals im Stadtverkehr oder auf der Autobahn bewähren müssen. Erst in drei, vier Jahren sollen die E-Autos dann kommen. 

Das zeigt, dass die deutschen Autobauer noch nicht verstanden haben, was die Stunde geschlagen hat. Sie geraten in Rückstand, und zwar nicht nur gegenüber Tesla. In China schickt sich ein halbes Dutzend dortiger Autobauer an, den schnell wachsenden E-Automarkt zu besetzen. Das darf den Managern von VW, BMW und Mercedes nicht gleichgültig sein. Denn die Volksrepublik wird im nächsten Jahrzehnt ihre Bedeutung als weltweit wichtigster Automarkt noch ausbauen. 

Dabei geht es nicht nur um den E-Antrieb. Hinzu kommen das autonome Fahren und neue Pkw-Nutzungsformen, unter anderem mit Carsharing. Das alles schließt sich zu einem neuen Supersystem zusammen. Vielleicht kutschieren uns Robotertaxis eines Tages durch die Städte. Vielleicht werden ultraschnelle Elektro-Sportwagen, die mit 350 per Autopilot über die Autobahn rasen, die Statussymbole des Jahres 2040 sein. Wir wissen nicht, wie diese Zukunft konkret aussehen wird. Aber klar ist, dass mit den neuen Technologien die Autobranche der Computer- und Internetbranche sehr ähnlich wird, und deshalb ganz andere Geschäftsmodelle braucht. 

Es geht hier nicht darum, Google und Co zu glorifizieren, aber klar ist, dass hochkomplexe Software und die intelligente Vernetzung der Fahrzeuge entscheidend werden. Die Hardware der E-Autos selbst ist erheblich simpler als bei Verbrennern, was die Fertigung deutlich vereinfacht. Beides zusammen wird enorme Kräfte freisetzen, die die Branche in einer bislang nicht gekannten Geschwindigkeit umkrempeln. Da mitzuhalten, verlangt viel mehr Mut und Risikobereitschaft, als bislang in der Autobranche nötig war. Der Opel-Werbeslogan „Umparken im Kopf“ gilt deshalb vor allem für die deutschen Automanager. 

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