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Der Winter bedroht Millionen Geflüchtete

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Von: Peter Ruhenstroth-Bauer

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Mit über 1,5 Millionen Flüchtlingen im Land ist Uganda eines dieser Nachbarländer und aktuell das größte Flüchtlingsaufnahmeland in Afrika. Das Foto von 2017 zeigt eine Schule in einem Flüchtlingslager im Norden Ugandas: Einheimische und Kinder aus geflüchteten Familien werden gemeinsam unterrichtet.
Mit über 1,5 Millionen Flüchtlingen im Land ist Uganda eines dieser Nachbarländer und aktuell das größte Flüchtlingsaufnahmeland in Afrika. Das Foto von 2017 zeigt eine Schule in einem Flüchtlingslager im Norden Ugandas: Einheimische und Kinder aus geflüchteten Familien werden gemeinsam unterrichtet. © Thomas Koehler/Imago

Aus immer mehr Staaten müssen Menschen fliehen, nicht nur aus der Ukraine. Manche Aufnahmeländer leisten Enormes - zum Beispiel Uganda.

Die Vertreibung von Menschen schreitet schneller und stärker voran, als Lösungen für Flüchtlinge gefunden werden. Die Zahl der von Konflikten betroffenen Länder hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Mitte 2022 waren rund 103 Millionen Menschen auf der Flucht. Hauptgrund für den Anstieg: der Krieg in der Ukraine.

Geflüchtete riskieren alles, um ihre Familie und sich in Sicherheit zu bringen. Ihre Widerstandsfähigkeit lässt sie Unglaubliches schaffen: Sie überwinden tagtäglich ihre Erschöpfung, beweisen Mut – oft unter Lebensgefahr –, um zu überleben. Und das nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Ländern wie Afghanistan, Syrien oder dem Irak.

Und doch sehen wir Positives in der Krise: Die Solidarität und Hilfsbereitschaft in Deutschland war in den letzten Monaten überwältigend. Neben der großartigen Unterstützung durch Schulen, Vereine, Einzelpersonen, Orchester oder Bands haben sich auch viele Unternehmen und ihre Mitarbeitenden mit sehr großzügigen Spenden beteiligt. Und auch wenn der Krieg nun mitten in Europa die größte Fluchtbewegung seit Ende des Zweiten Weltkriegs ausgelöst hat, muss uns klar sein, dass die ganz großen Herausforderungen von anderen Aufnahmegesellschaften getragen werden müssen. Denn die meisten Flüchtlinge werden von den ärmeren Nachbarländern aufgenommen. Oftmals Länder, die zudem besonders von den Folgen des menschengemachten Klimawandels betroffen sind. Auch diese Staaten und Zivilgesellschaften leisten Enormes.

Mit über 1,5 Millionen Flüchtlingen im Land ist Uganda eines dieser Nachbarländer und aktuell das größte Flüchtlingsaufnahmeland in Afrika. Die Gastfreundlichkeit und die fortschrittliche Politik gibt Flüchtlingen in Uganda das Recht auf Selbstbestimmung, auf Arbeit und Unternehmensgründung sowie den Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung und Bildung.

Um die Integration von Flüchtlingen zu fördern, versuchen die Behörden in Uganda die Unterbringung von Menschen in Flüchtlingslagern zu vermeiden. Deshalb erhalten alle Neuankommenden ein Grundstück, um dort zu wohnen und Lebensmittel anzubauen.

Seit 2017 werden die Asylanträge von Menschen aus dem Südsudan und dem Kongo in Uganda in einem beschleunigten Verfahren bearbeitet, ohne dass eine Anhörung erforderlich ist. Somit werden sie schneller als Flüchtlinge anerkannt und ihr Asylstatus bestätigt.

Flüchtlingshilfe kostet Geld, der Bedarf weltweit ist enorm. Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) hat zwölf Hilfseinsätze identifiziert, die besonders stark von den Auswirkungen der Ukraine-Krise betroffen sind. Die Vertriebenen in diesen Ländern sind in einem Kreislauf aus internationaler politischer Vernachlässigung, begrenzter Medienberichterstattung, Gebermüdigkeit und wachsendem humanitären Bedarf gefangen. Konflikte und Krisen wie etwa in Äthiopien, dem Sudan oder Venezuela schaffen es nur noch sporadisch in die Schlagzeilen.

Der Winter verschärft in vielen Ländern die ohnehin prekäre Situation. In der Ukraine sind Winter mit dauerhaften Temperaturen bei minus 20 Grad Celsius keine Seltenheit. In Afghanistan benötigen jetzt schon mehr als 24 Millionen Menschen humanitäre Hilfe, und die Zahl wird über die Wintermonate weiter steigen. Oft sinken die Temperaturen dort auf minus 15 Grad, die Unterkünfte vieler Geflüchteter halten diesen Bedingungen nicht stand. Und in Syrien ist es für viele Flüchtlinge bereits der zwölfte Winter in Folge. Die Ernährungslage ist weiterhin unsicher, die Lebenshaltungskosten sind enorm gestiegen und damit auch der Unterstützungsbedarf.

Der UNHCR ist in all diesen Regionen vor Ort. Für Flüchtlinge und Binnenvertriebene in Syrien, Libanon, Jordanien, Irak und Ägypten konzentriert sich die Winterhilfe des UNHCR auf die Bereitstellung von Bargeldhilfen und winterspezifischen Hilfsgütern wie Wärmedecken, Plastikplanen, Schlafsäcke und Winterkleidung. Witterungsbeständige Unterkünfte und Reparaturen sowie die Verbesserung der Entwässerungssysteme und anderer Infrastrukturen bereiten auf den Winter vor.

Der Nahe Osten, Afghanistan oder Äthiopien mögen geografisch weit entfernt sein, doch spätestens der Ukraine-Krieg und die Folgen des Klimawandels haben uns aber gezeigt, dass die drängendsten Herausforderungen grenzenlos sind. Es geht nur gemeinsam: Solidarität, Empathie, Hilfsbereitschaft und Humanität stehen über allem. Diese Werte und ein Handeln danach können Leben retten und Perspektiven schaffen.

Peter Ruhenstroth-Bauer ist Nationaler Direktor der UNO-Flüchtlingshilfe, des deutschen Partners des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR). Mehr unter www.uno-fluechtlingshilfe.de

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