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Die ungleiche Vermögensverteilung zwischen Ost und West können Ostdeutsche etwa daran ablesen, dass sie bei Anmietung einer Ferienwohnung an der ostdeutschen Ostsee meist auf westdeutsche Telefonnummern stoßen.
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Die ungleiche Vermögensverteilung zwischen Ost und West können Ostdeutsche etwa daran ablesen, dass sie bei Anmietung einer Ferienwohnung an der ostdeutschen Ostsee meist auf westdeutsche Telefonnummern stoßen.

Leitartikel

Der Osten redet mit

  • Markus Decker
    VonMarkus Decker
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Das Muster der Vereinigung, das von den Ostdeutschen Anpassung erwartete, funktioniert nicht mehr. Darin liegt auch eine Chance. Der Leitartikel.

Da ist er wieder, der Jahresbericht zum Stand der Deutschen Einheit, 120 Seiten stark und mit vielen Daten versehen. Auch die Diagnosen muten bekannt an. Die ostdeutsche Wirtschaftskraft stagniert dem Bericht zufolge bei circa 80 Prozent der westdeutschen Wirtschaftskraft. Und die Ostdeutschen stehen der Demokratie unverändert skeptisch gegenüber.

Tatsächlich ist der Bericht wie seine Vorgänger unbefriedigend, weil er sich im Kern auf die Frage konzentriert, ob und wie der Osten zum Westen aufgeschlossen habe. Der Westen ist der Maßstab, an dem nicht gerüttelt wird. Was der Bericht nur am Rande erfasst, ist überdies die ungleiche Vermögensverteilung zwischen Ost und West, die Ostdeutsche etwa daran ablesen können, dass sie bei Anmietung einer Ferienwohnung an der ostdeutschen Ostsee meist auf westdeutsche Telefonnummern stoßen. Auch die westdeutsche Elitendominanz in Ost- und Gesamtdeutschland taucht in dem Papier nicht auf.

Es fehlen also all jene Punkte, die für die westdeutsche Seite unangenehme Fragen aufwerfen würden. Darin läge zu viel Sprengstoff. Dass es in der Tiefe des Ost-West-Verhältnisses dynamische Veränderungen gibt, bildet der Bericht ebenfalls kaum ab.

Da ist zum einen der Umstand, auf den der Rostocker Soziologe Steffen Mau in einem klugen Essay hingewiesen hat: dass es immer öfter Ostdeutsche sind, die Debatten anstoßen oder diese prägen. Er nannte unter anderem Jan Josef Liefers und Wolfgang Thierse, Monika Maron und Sahra Wagenknecht, Frank Castorf und Uwe Tellkamp.

Sicher, manche der Genannten lösten wegen mangelnder Abgrenzung nach rechts außen richtigerweise Unmut und Ablehnung aus. Mau betont zudem, dass teils unvereinbare Unterschiede zwischen Ost und West fortexistierten. Die Westgesellschaft sei bürgerlicher und an Vielfalt gewöhnt, die Ostgesellschaft mit ihren vielfach „einfachen Schichten“ reagiere mit Abwehr auf all das, was ihr nicht entspreche.

Thierse freilich bekam für seine Genderkritik Zustimmung nicht zuletzt aus dem Westen; für Wagenknechts Angriff auf die „Lifestyle“-Linke gilt Ähnliches. Dabei schwingen in den Äußerungen aller Genannten unüberhörbar DDR-Erfahrungen mit.

Noch wichtiger: Es artikuliert sich ein ostdeutsches Selbstbewusstsein. „Das kollektive Hereinholen der Ostdeutschen in die Bundesrepublik war in gewisser Weise eine migrantische Erfahrung“, schreibt Mau. Die Ostdeutschen waren so gesehen Ausländer im Inland, die sich erst mit der Zeit Gehör verschaffen konnten. Das tun sie jetzt. Und daraus ließe sich gesamtdeutsch etwas machen. Das Muster der Vereinigung, das von den Ostdeutschen Anpassung erwartete, funktioniert nicht mehr. Darin liegt auch eine Chance.

Zum anderen ist es so, dass Ostdeutschland die gesamtdeutsche Wirklichkeit ohnehin zu prägen beginnt. Man sieht das gerade am Umgang der westdeutsch geprägten CDU-Spitze mit dem rheinischen Rechtsausleger Hans-Georg Maaßen. Maaßen bewirbt sich im ostdeutschen Thüringen um ein Bundestagsmandat, weil ihn im Westen niemand auf den Schild heben würde. Nur werden die rechtskonservativen und zur AfD hin offenen Teile der Ost-CDU und ihrer Wählerschaft im westdeutsch dominierten Konrad-Adenauer-Haus offenbar längst für so bedeutsam gehalten, dass Parteichef Armin Laschet eine Abwendung von Maaßen scheut.

Im Bundestagswahlkampf 2005 sagte der damalige Bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) mit Blick auf das Erstarken der Linkspartei in Ostdeutschland: „Ich akzeptiere nicht, dass letzten Endes abermals der Osten bestimmt, wer in Deutschland Kanzler wird.“ So einen Satz könnte Laschet nicht mehr sagen.

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