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Inzwischen mangelt es nicht mehr nur an Holz und Mikrochips, sondern auch an Produkten aus dem Supermarkt, etwa Elektrogeräte, Kleidung, Papier. (Symbolbild)
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Inzwischen mangelt es nicht mehr nur an Holz und Mikrochips, sondern auch an Produkten aus dem Supermarkt, etwa Elektrogeräte, Kleidung, Papier. (Symbolbild)

Leitartikel

Der Markt regelt das

  • Andreas Niesmann
    VonAndreas Niesmann
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Der Mangel an Gütern ist in fast allen Branchen so groß, dass er den wirtschaftlichen Aufschwung bremst. Dennoch sollte man sich hüten, den Abgesang auf den Kapitalismus anzustimmen. Der Leitartikel.

Kennen Sie auch diese vertröstenden E-Mails? Beim Autor dieser Zeilen kommenden sie derzeit im Wochentakt an. Von Beschaffungsproblemen ist darin die Rede, von einer angespannten Lage an den Rohstoffmärkten, von Lieferanten mit Terminschwierigkeiten. Es klingt ein wenig, als habe man einen Industrieroboter in Auftrag gegeben, dabei sind es nur zwei Nachttische und ein Waschbecken. Die Möbelstücke lassen seit zwei Monaten auf sich warten, die Badezimmerausstattung ist seit einem Vierteljahr überfällig.

Überschaubare Probleme, klar. Die alten Nachtkästen werden es noch eine Weile schaffen, der Sprung in der Keramik wird – Panzerband sei Dank – derzeit nicht größer. Und doch stehen diese Beispiele für etwas, das zumindest für Jüngere und westdeutsch sozialisierte Menschen ein neues Phänomen ist: Knappheit.

Was mit Holz und Mikrochips begann, hat inzwischen nahezu alle Güterklassen erfasst. Es fehlt an Spielekonsolen, Turnschuhen, Fahrrädern, Papier, Smartphones, Haushaltsgeräten – selbst elektrische Zahnbürsten sind knapp. Lieferzeiten von mehreren Wochen oder gar Monaten sind keine Seltenheit, Preise explodieren.

Was Privatleute ärgerlich sein mag, ist volkswirtschaftlich ein großes Problem. Die Industrie jubelt über volle Auftragsbücher, gleichzeitig klagen acht von zehn Unternehmen über Materialmangel in einem produktionsbremsenden Ausmaß.

Der Handel feiert die nach den langen Pandemiemonaten wiedererwachte Konsumlust, gleichzeitig warten sieben von zehn Kaufleuten händeringend auf Nachschub. Die Autobauer wittern angesichts steigender Nachfrage nach Elektrofahrzeugen Morgenluft, gleichzeitig müssen sie Zehntausende Beschäftigte in Kurzarbeit schicken, weil Halbleiter fehlen.

Der Mangel ist inzwischen so gravierend, dass er den Wirtschaftsaufschwung bremst. Und er stellt etwas in Frage, das über viele Jahre eine der größten Verheißungen des Kapitalismus war: die permanente Verfügbarkeit sämtlicher Bedarfsgüter zu bezahlbaren Preisen. Nachdem zuletzt immer häufiger der „Überkonsum“ der Industriegesellschaften beklagt worden war, ist nun plötzlich vom „Knappheitsschock“ die Rede. Wie konnte es so weit kommen?

Der wichtigste Grund lautet Corona. Das synchrone Herunter- und wieder Herauffahren der gesamten Weltwirtschaft hat zu Verwerfungen geführt, die sich erst jetzt in ihrem ganzen Ausmaß zeigen. Erst kamen Lockdowns und Nachfrageeinbrüche, dann Konjunkturpakte und Konsumrausch. Die Geschäftsaussichten haben sich derart schnell verändert, dass viele Hersteller nun mit der Produktion nicht hinterherkommen.

Zumal die Lieferketten immer noch nicht funktionieren. Geschlossene Fabriken, abgeriegelte Häfen und ausfallende Flüge haben den globalen Warenverkehr aus dem Takt gebracht. Die Havarie des Containerfrachters Evergiven im Suezkanal kam erschwerend hinzu. Und dann gab es auch Sondereffekte wie den US-amerikanischen Importzoll auf kanadische Hölzer, der europäische Stämme plötzlich in den Vereinigten Staaten konkurrenzfähig gemacht hat.

Das Chaos scheint derzeit allgegenwärtig, und dennoch sollte man sich hüten, den Abgesang auf den Kapitalismus anzustimmen. Erstens weil die historischen Sondersituation einer weltweiten Pandemie eines Tages vorbei sein wird. Und zweitens, weil die Selbstheilungskräfte des Systems enorm sind. Unternehmen, denen heute Rohstoffe fehlen, werden morgen ihre Lieferketten diversifizieren – und damit stabiler machen.

Die Preissignale, die derzeit überall zu sehen sind, werden Investitionen in Produktionskapazitäten auslösen. Das Angebot an Waren wird steigen, die Preise werden sinken. Der häufig zitierte Satz, dass der Markt die Sache regelt – hier stimmt er einmal. Auch, wenn es womöglich noch ein wenig dauert.

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