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Leipzig gilt als Boomtown, als „Hypezig“.
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Leipzig gilt als Boomtown, als „Hypezig“.

Ungleiche Entwicklung

Der falsche Blick auf Ost und West

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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Die ungleiche Entwicklung im Osten und im Westen Deutschlands lässt sich nur verändern, wenn mit anderen Sichtweisen die Probleme hierzulande angegangen werden. Der Leitartikel.

In knapp vier Wochen jährt sich die deutsche Einheit zum 30. Mal. Bereits am Freitag wurde der jährliche Bericht der Bundesregierung zum Stand derselben öffentlich. Die Corona-bedingt überschaubaren Feierlichkeiten haben in Potsdam schon begonnen. Parallel dazu setzten in Leipzig die militanten Proteste der autonomen Szene gegen die Räumung besetzter Häuser ein. Hat das eine mit dem anderen zu tun? Ja und Nein.

Der Regierungsbericht zur Einheit bewegt sich auf der Linie der Vorgängerberichte. Wirtschaftlich hole der Osten auf, heißt es darin. Allerdings schreitet die Angleichung aufs Ganze gesehen im Schneckentempo voran – und das schon seit vielen Jahren. Die Autorinnen und Autoren des Berichts räumen denn auch ein: Selbst kurz vor dem Einheitsjubiläum habe noch kein Flächenland der neuen Bundesländer das Niveau des westdeutschen Landes mit der niedrigsten Wirtschaftskraft erreicht.

Kann sein, dass sich dies in absehbarer Zeit ändert. Das im Bau befindliche Tesla-Werk des US-Amerikaners Elon Musk in Brandenburg bietet beispielsweise eine echte Perspektive für einen Qualitätssprung. Entsprechend wurde Musk in der vorigen Woche wie ein Messias empfangen. Doch das bleibt – noch – Zukunftsmusik.

Politisch stellt auch dieser Bericht fest, was bereits die Vorgänger-Berichte feststellen mussten: dass die Skepsis gegenüber den politischen Verhältnissen in Ostdeutschland unverändert größer ausfällt als in Westdeutschland, und das obwohl der Zeitraum seit dem Fall der Mauer bereits zwei Jahre länger ist als der Zeitraum, in dem diese Mauer stand.

Meistens drückt sich die Skepsis Rechtsaußen aus – mit breiten Übergängen zur politischen Mitte hin. Dass die Köpfe der ostdeutschen AfD vielfach Westdeutsche sind, ist weniger ein Gegenargument als Bestätigung der These. Radikale wie Björn Höcke und Andreas Kalbitz wissen, dass für sie im Westen nichts oder viel weniger zu holen wäre. Bei der NPD war es in den 1990er Jahren ähnlich.

Das Problem dieses Berichts wie der Vorgänger-Berichte ist indes, dass der Westen Maßstab des Ostens bleibt. Dabei wäre doch ebenso spannend wie notwendig zu betrachten, wie sehr sich seit 1990 auch der Westen verändert hat und wie die Teile aufeinander wirkten.

Man müsste, wenn es um politische Radikalität geht, dann nicht allein nach Sachsen schauen, sondern auch nach Baden-Württemberg oder Hessen, wo Rechtspopulisten und Rechtsextremisten zuletzt immer stärker in Erscheinung getreten sind. Das könnte zu einem wirklichen Nachdenken über das gemeinsame Land führen. Es hätte, wenn Westdeutschland diese Art der Betrachtung denn zuließe, einen Dialog auf Augenhöhe zur Folge.

Das Irritierende an Leipzig ist nun, dass es in doppelter Weise von der Norm abweicht. Die Stadt gilt ökonomisch betrachtet als Boomtown, als „Hypezig“. Indikator dieses erfreulichen Aufschwungs sind die unerfreulichen Verhältnisse auf dem Immobilienmarkt.

Die Einwohnerzahl steigt. Wohnungen werden knapp und teuer. Zugleich macht Leipzig anders als „das rechte Dresden“ seit Jahren mit einer entwickelten linksradikalen Szene von sich reden. Die wiederum nimmt die herrschenden Probleme auf dem Wohnungsmarkt teilweise zum Anlass für Randale und Angriffe auf Polizisten – so wie in Berlin oder Hamburg.

Aus dem thüringischen Jena, das ähnlich wie Leipzig zur Boomtown geworden ist, gibt es solche Bilder nicht. Ja, Leipzig gilt in Sicherheitskreisen mittlerweile als der Hotspot der Autonomen. Im Einheitsbericht steht: Dass die ostdeutschen Einkommen bei lediglich 86 Prozent der westdeutschen Einkommen lägen, werde durch „vergleichsweise günstige Preise für Mieten und Bauland zu einem erheblichen Teil“ kompensiert. Genau das trifft auf Leipzig immer weniger zu.

Dass die Gewalt und ihre Rechtfertigung längst gesamtdeutsch geworden sind und so gesehen eine gewisse Normalisierung eingetreten ist, ist gleichwohl kein Grund zur Freude. Wie nachvollziehbar die Wut bei manchen auch sein mag: Die Urheber von Angriffen auf Polizisten, die als Bürger übrigens ebenfalls unter der Gentrifizierung leiden, sind politische Kriminelle; sie müssen in Ost wie West bestraft werden.

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