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Philosophie

Denker fehlen

Viele Akademiker haben die sokratische Attitüde des öffentlichen Streitens über den Weg des Gemeinwesens verloren. Der Gastbeitrag.

Von Nils Heisterhagen

Sie bleiben unter sich in akademischen Diskursen, akademischen Konferenzen. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hatte darauf schon vor einiger Zeit hingewiesen, in dem er in einem Essay für „Die Zeit“ fragte „Wo seid ihr, Professoren?“ Er löste damit eine Debatte aus. Mit seinem Aufruf an die Universitätslehrer meinte Pörksen gewiss nicht nur die Linken, sondern alle.

Seitdem gab es die Sloterdijk-Debatte über die Flüchtlingspolitik. Aber eben nicht mehr. Die allermeisten Professorinnen und Professoren bleiben immer noch an der Universität. Sie gehen nicht raus in die breite Öffentlichkeit. „Öffentliche Intellektuelle“ – in Tradition von Jürgen Habermas, Hannah Arendt oder Karl Jaspers – gibt es kaum. Das Selbstverständnis der meisten Geistes- und Sozialwissenschaftler scheint sich verändert zu haben.

Es gibt so weiterhin guten Grund die Rückkehr der Denkerinnen und Denker zu fordern. Kritik am neuen Habitus vieler Denker scheint weiterhin wohl angebracht. So erneuerten jüngst die Politikprofessoren Frank Decker und Eckhard Jesse diese Kritik in einem Gastbeitrag für die „FAZ“ und attestierten der Politikwissenschaft einen Ausstrahlungsverlust. Sie bemängelten die Konzentration auf Drittmitteleinwerbung und das Schreiben für Fachzeitschriften. Sie wiesen aber zugleich auch auf einen gegenläufigen Trend des Bestrebens von Universitäten nach öffentlicher Wirksamkeit hin. Summa Summarum haben sie aber klar betont, dass die Politologen in den öffentlichen Debatten fehlen. Wiedermals galt die Kritik nicht lediglich den Linken, sondern allen.

Man könnte diese zwei kritischen Stimmen aus der Wissenschaft zu dem Urteil zuspitzen: Theoretiker sind heute eher Platoniker, aber keine Sokratiker mehr. Viele Denkerinnen und Denker haben die sokratische Attitüde des öffentlichen Streitens über den Weg des Gemeinwesens verloren. Sie fehlen – sie fehlen in der Öffentlichkeit. Gewiss ist der Streit über theoretische Feinheiten, über theoretische Zugänge elementar für die akademische Arbeit in Geistes- und Sozialwissenschaft. Aber die Welt wird eben nicht an der Universität verändert: So viel Karl Marx sollte sich jeder Theoretiker bewusst halten. Karl Marx drückte das in seiner 11. Feuerbachthese so aus: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber darauf an, sie zu verändern.“ Für Marx war konkretes politisches Handeln – durch die Arbeiterbewegung etwa – ein Ausdruck seiner Philosophie.

Klar, das Normative wird auch an Universitäten erdacht. An Universitäten sitzen eben zumeist die Denker. Aber wenn das Erdachte zu etwas werden soll, was die politischen Debatten wirklich bewegt, dann muss man sich auch mit dem Erdachten in die breite Öffentlichkeit einbringen. Wer als Denker die Medien scheut, der hat kaum eine Chance mit seinen Gedanken den Gang der medialen Diskussion zu beeinflussen. Selbst bei Denkern, die die breite Öffentlichkeit gemieden haben – wie der Philosoph Leo Strauss – und trotzdem großen Einfluss auf reale politische Bewegungen hatten, gelang dies nur, weil etliche ihrer Schüler realpolitisch aktiv wurden. Aber auf diese Idee „der Lehrer wirkt auch durch seine Schüler“ sollte sich kein Denker wirklich verlassen. Kurzum: Wer etwas verändern will, darf sich nicht an der Universität einmauern, sondern muss seine Stimme erheben in Medien, auf Demonstrationen, in Online- und Offline-Initiativen, in Parteien.

Für die linken Theoretiker gilt das am Stärksten. Sie fehlen am meisten in der breiten öffentlichen Debatte. Gerade in Zeiten der Marginalisierung der gesamten Linken in Deutschland, sollten sie eigentlich öffentlich auf den Plan treten. Zudem vermittelt das fast ausschließliche akademische Streiten über Feinheiten unter den linken Theoretikerinnen und Theoretikern, dass die linken Theoretiker weniger gemeinsam haben. Ich bezweifele, dass dies so ist.

Wenn für die breite Öffentlichkeit der Eindruck entsteht als hätten die linken Theoretiker in diesem Land immer weniger gemeinsam, dann ist das eine Fehlentwicklung. Denn abseits akademischer Streitigkeiten gibt es – mit großer Sicherheit – viel Ähnliches, was linke Theoretiker, egal welcher Denkschule sie angehören, sich von der Realpolitik wünschen. Theorie mag sehr plural und vielgestaltig geworden sein. Aber am Ende braucht auch jede Theoretikerin und jeder Theoretiker eine eigene Haltung dazu, was genau konkret nun beschlossen werden soll, damit es in Deutschland progressiv voran geht.

Die linken Theoretiker brauchen daher eine neue realpolitische Offenheit. Sie sollten klar machen wo sie stehen. Der akademische Streit kann ja unberührt weitergehen, aber es braucht doch mehr Engagement für die Fragen, die letztlich im Bundestag verhandelt werden. Wenn ein linker Theoretiker keine Haltung zur Rente, zur Bildungspolitik, zur Arbeitsmarktpolitik finden kann oder sich sogar gar nicht für konkrete Vorschläge der Parteien interessiert, hat er vielleicht nicht seine Profession verfehlt, aber den Sinn dafür verloren, wodurch reale politische Veränderung eigentlich passiert.

Ich bin sicher, es gibt vieles, was realpolitischer Konsens ist unter vielen linken Theoretikern in Deutschland. Meinungen werden aber eben nur dann in der breiten Öffentlichkeit gehört, wenn sie auch geäußert werden. Und daran fehlt es. Es bräuchte so mehr realpolitische Einlassung der Theoretiker in diesem Land. Das könnte die progressive Sache nach vorne bringen.

Nils Heisterhagen ist Autor bei der Denkfabrik „Das Progressive Zentrum“.

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