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Demonstration Fridays for Future in Berlin.

Gastbeitrag

Demokratie muss Schule machen

Die Bildungspolitik sollte die Impulse der Demonstrationen für Klimaschutzaufnehmen, um Schule und Unterricht weiterzuentwickeln.

Die Zeit rennt, ihr pennt“ oder „Warum lernen, wenn es keine Zukunft gibt“ steht auf den selbst gemalten Plakaten junger Klimaaktiver, die in Deutschland und weltweit seit nunmehr einem Jahr zu Hundertausenden auf die Straße gehen.

Am globalen Aktionstag gab es weltweit unzählige Aktionen mit einer enormen Beteiligung. Die jungen Menschen demonstrieren für eine lebenswerte Welt von morgen und akzeptieren es nicht länger, dass ihre Zukunft durch politische Untätigkeit verspielt wird. Dafür nehmen sie mit dem Schulschwänzen auch bewusst persönliche Konsequenzen in Kauf, um ihr Anliegen zu verstärken.

Die Klimaproteste sind für mich gelebte Demokratie. Denn Demokratie funktioniert nicht als theoretisches Konstrukt, sondern muss erlebt und im Alltag erfahren werden. Es geht dabei um Haltung, Kritik und einen klaren Wertekompass.

Wenn wir uns die demografische Entwicklung anschauen, verwundert es nicht, dass sich öffentliche Debatten weit mehr um Rente oder Gesundheit kümmern als beispielsweise um Bildung, Zukunftschancen oder den Erhalt unserer gemeinsamen Lebensgrundlagen.

Die Älteren dominieren die Wahlurnen und somit auch die Debatten. Eine Absenkung des Wahlalters wäre ein erster wichtiger Schritt, um das politische Gewicht zwischen den Generationen wieder etwas mehr in Balance zu bringen. Einige Bundesländer sind hier schon Vorreiter, wenn auch nur bei Landtags- und Kommunalwahlen. Das muss sich ändern.

Daneben ist auch die Bildungspolitik gefragt, diese demokratischen Impulse aufzunehmen, zu verstärken und zu verfestigen. Zuerst fällt einem natürlich der Politikunterricht ein, der in den Bundesländern höchst unterschiedlich gewichtet ist. Hier wäre es Aufgabe der Bundesländer und der Kultusministerkonferenz, politische Bildung sowohl als Unterrichtsfach als auch als Querschnittaufgabe weiter auszubauen.

Schulen brauchen außerdem mehr Flexibilität und Freiräume, um Demokratie- und Werterziehung erlebbar zu machen. Der hessische Koalitionsvertrag macht vor, wie das gelingen kann: Es wurde vereinbart, dass Schulen eigene Konzepte umsetzten können, mit denen Schülerinnen und Schüler über den Unterricht mitentscheiden können. Zudem wird ein durchgängiger Politikunterricht auf allen weiterführenden Schulen sichergestellt.

Ein gewinnbringender Politikunterricht braucht selbstverständlich auch bestens ausgebildete Lehrkräfte. Ich plädiere für ein verbessertes demokratiepädagogisches Angebot in allen Phasen der Lehramtsaus- und – weiterbildung. Die Qualitätsoffensive Lehrerbildung, die der Bund finanziert, könnte dies zum Schwerpunkt machen. Demokratie muss also sowohl Ziel als auch Gegenstand des Unterrichts werden.

Zum zweiten müssen wir auch die Schule als Institution demokratisieren: Es braucht eine Schulkultur auf Augenhöhe und Möglichkeiten echter Mitbestimmung und Beteiligung. Ich stelle mir Stimmrechte für Schülerinnen und Schülern bei organisatorischen Fragen beispielsweise in der Schulkonferenz vor, Streitschlichtungsprojekte oder selbstverantwortete Lernzeiten. Die Vertretungen von Schülerinnen und Schülern sollten Ressourcen und feste Mitspracherechte bekommen.

Das Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung zeigt genauso wie „Engagement lernen“ viele Wege auf, sich in und außerhalb der Schule einzubringen, Engagement zu lernen und Demokratie konkret zu erleben. Beide Konzepte sollten sich in den Lehrplänen stärker als bisher wiederfinden.

Die engagierten jungen Menschen auf den Straßen widerlegen gerade sehr eindrücklich das Bild einer desinteressierten und faulen Jugend, die bereits Aristoteles fälschlicherweise vor über 2000 Jahren mit den Worten attestierte: „Ich habe überhaupt keine Hoffnung mehr in die Zukunft unseres Landes, wenn einmal unsere Jugend die Männer von morgen stellt. Unsere Jugend ist unerträglich, unverantwortlich und entsetzlich anzusehen.“

Ich hingegen habe große Hoffnung in die jungen Menschen, freue mich über ihre politische Leidenschaft und appelliere an uns Entscheidungsträger, jetzt auch konsequent und nicht nur symbolisch zu handeln, sowohl in der Klima- als auch in der Bildungspolitik.

Die Bundesregierung hat mit ihrem sogenannten Klimapaket eine entscheidende Weichenstellung verbockt. Wir werden alle unsere Möglichkeiten nutzen, um tatsächlich wirksame Maßnahmen für mehr Klimaschutz zu erreichen.

Margit Stumpp ist Grünen-Bundestagsabgeordnete und Sprecherin für Bildungspolitik der Fraktion.

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