Studium Generale

Demokratie braucht Allgemeinbildung

Das Studium Generale als institutionalisiertes Angebot an den Unis könnte jungen Abiturienten bei der Orientierung helfen. Klüger macht es sie sowieso. Denn das humboldtsche Bildungsideal ist keineswegs von gestern.

Von Nils Heisterhagen

Das Studium war in früheren Zeiten vor allem eines: umfassende Bildung. Noch heute spricht man vom humboldtschen Bildungsideal. Der Philosoph, Staatsmann und Humanist Wilhelm von Humboldt entwickelte eine Bildungsidee, durch die das Individuum an der Universität zur Selbstbestimmung und Mündigkeit angeleitet werden soll. Gemäß des aufklärerischen Anspruchs müsse das Individuum diese Autonomie und intellektuelle Selbstbefähigung zwar selbst in sich hervorbringen. Aber um dem Individuum dabei zu helfen, solle das Individuum ein ganzheitliches Bildungsprogramm durchlaufen, was nicht lediglich nur auf das anstrebte Studienfach beschränkt sein, sondern eine Vielzahl von Einflüssen beinhalten sollte – allen voran sollte die Philosophie Bindemittel und Orientierungswissenschaft sein.

Dieses humboldtsche Bildungsideal wird vor allem heute dann bemüht, wenn man den Bologna-Prozess der Modularisierung der Universitätsbildung kritisieren will.

Aber dieses humboldtsche Bildungsideal ist keineswegs nur etwas für Nostalgiker und konservative Ewig-Gestrige. Gewiss muss sich die Universitätsbildung stets erneuern. Der nächste Schritt wird die Digitalisierung sein. Der Akademiker muss fit sein für die digitale Arbeitswelt. Universität darf und soll immer auch Ausbildungsinstitution sein. Aber sie soll auch Bildungsinstitution bleiben. Gerade an der Universität kann man als Individuum wachsen und die Individuen untereinander gemeinsame Bezugspunkte finden. Allgemeinbildung – vor allem politische und philosophische Bildung – hilft jedem Individuum sich in der Welt zu orientieren, Struktur zu schaffen und Halt zu finden. Und Interdisziplinarität hilft bei der allgemeinen Verständigung und bei der Entwicklung neuer Gedanken.

Ein Instrument das humboldtsche Bildungsideal zu retten, ist das Studium Generale.

Gewiss kann dieses Studium Generale keine Pflicht mehr sein – auch wenn mancher das mit guten Gründen vertreten könnte –, sondern es kann nur noch ein Angebot sein. Aber dieses Angebot müssen die Universitäten auch bieten. Selbst an diesem Angebot fehlt es oft heute noch.

Zwei Ausprägungen des Studium Generale sind denkbar: Erstens: Ein zusätzliches Jahr vor dem dreijährigen Bachelor bei dem die Studenten die Möglichkeit bekommen ein Zertifikat „Studium Generale“ abzuschließen und dabei auch die Möglichkeit haben sollen, den ein oder anderen Schein, den sie in diesem Jahr erwerben, später auch in ihrem eigentlichen Studium anrechnen zu lassen.

Man könnte zudem Anreize für dieses Studium-Generale-Jahr setzen, indem man sagt, dass die Absolventen dieses Studium-Generale-Jahres Bonuspunkte bei der Bewerbung für ein bestimmtes Studienfach an der Universität bekommen. Ein paar Pflichtmodule müssten im Studium Generale dabei sein, aber sonst freie Wahl für die Studenten bestehen.

Zweitens: Ein eigener Bachelor-Studiengang „Studium Generale“ mit drei Jahren ist denkbar.

Dieses Studium Generale kann keine Pflicht sein. Aber angesichts der oftmaligen Orientierungslosigkeit von Abiturienten, was sie nach dem Abitur bloß machen sollen und angesichts der hohen Studienabbrecherquoten ist es gar nicht so verkehrt, die Möglichkeit für ein Orientierungs- und Bildungsjahr zu schaffen. Junge Menschen suchen doch auch heute schon diese Orientierung. Sie gehen für ein Jahr „Work&Travel“ nach Australien, oder jobben erstmal, um sich darüber klar zu werden, was sie eigentlich aus ihrem Leben machen wollen. Das Studium Generale könnte hier ein weiteres Angebot für Orientierung sein.

Das Studium Generale zu institutionalisieren und aufzuwerten – eben auch mit einem Zertifikat –, könnte zudem der Idee der Allgemeinbildung wieder Auftrieb verleihen. Und die Gesellschaft braucht Menschen, die nicht nur umfassend gebildet sind, sondern die auch auf einem gemeinsamen kulturellen Schatz des Wissens und Nachdenkens aufbauen und sich so besser verständigen können. Ein Studium Generale schafft somit ein Wissensfundament, von dem sowohl die einzelnen Individuen als auch die ganze Gesellschaft profitieren könnten.

Ein Studium Generale wäre vor allem ein Signal dafür, dass Bildung mehr sein soll als ein Instrument. Bildung soll nicht lediglich nur ein Mittel sein, um im Wettkampf auf dem Arbeitnehmermarkt zu bestehen. Es soll auch nicht lediglich ein Mittel sein, um durch akademische Tätigkeiten höhere Löhne zu erzielen. Bildung soll mit anderen Worten nicht lediglich als Mittel gedacht werden, um in der Gesellschaft einen höheren Status zu erlangen. Bildung an sich macht auch keine besseren Menschen. Das hat sie noch nie. Bildung macht aber tendenziell klügere Menschen. Klugheit, im Sinne des altgriechischen Phronesis, braucht der Citoyen um sein Gemeinwesen mit seinen Mitbürgern im Dialog gut ordnen zu können.

Bildung soll daher auch eine Grundlage für ein Bürgerwissen sein. Politische Bildung ist der Kern dieses Bürgerwissens. Aber diese politische Bildung besteht immer schon aus historischem Wissen, philosophischen Grundlagen, und einem Verständnis für das eigene politische System und seine Kultur.

Diese politische Bildung ist essenziell für jeden Demokraten. Denn Demokratie muss immer auch erst erlernt werden. Ein Demokrat braucht einen bestimmten Habitus.

Nils Heisterhagen ist Grundsatzreferent der SPD-Landtagsfraktion Rheinland-Pfalz.

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