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Kaum einer mag Ratten. Doch unter besonderen Umständen erwecken die Nager doch unser Mitleid.

Kolumne

Wenn eine Ratte unser Mitleid erweckt

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Hilfe in Notsituationen tut Not, aber eine Nagerrettung schwankt zwischen öffentlicher Belustigung und Verdammnis. Und schafft kaum Erleichterung.

Hilflosigkeit erweckt unser Mitleid. Offenbar auch für Tiere, die wir sonst eher nicht besonders gern mögen oder sogar verabscheuen. Dazu gehören mit Sicherheit die Ratten. Sie galten lange Zeit als Überträger der Pest. Inzwischen wurde zwar klar, dass sie nicht allein Schuld haben, sondern die Ansteckung auch über Menschenflöhe von Mensch zu Mensch funktioniert. Aber den Ruf der Nager hat diese Erkenntnis nicht wesentlich gebessert.

Jetzt wurde eine große Rettungsaktion für eine Ratte losgetreten, mit der das südhessische Städtchen Bensheim weltweit in die Schlagzeilen geriet. Das Tier hatte seinen Body Mass Index unterschätzt und blieb in einem Gullydeckel stecken.

Ein Rettungsteam aus acht Männern der Feuerwehr befreite das Rattenmännchen. Postwendend verschwand der Gerettete in der Kanalisation, wo er hergekommen war. Dort kann er nun fröhlich der nächsten Ratten-Bekämpfungsaktion entgegensehen und nach Rattengiftgenuss innerlich verbluten.

Ratten-Rettung in Bensheim - Die Emotionen schlagen hoch

Die Öffentlichkeit reagierte heftig. Die Retter wurden einerseits als Helden gefeiert, von anderen wurde die Aktion als völlig absurd kritisiert. Die Emotionen gingen hoch, ähnlich wie wenn der Bundesjogi Jérôme Boateng nicht mehr aufstellt oder Helene Fischer sich aus dem Liebesurlaub nicht mehr in den (scheinbar) sozialen Medien meldet. Nur dass bei diesen beiden Phänomenen die Empörungswelle national beschränkt ist, während die Bensheimer Rattenfrage die Weltöffentlichkeit zu spalten droht.

Bei dem fettleibigen Tier handelt es sich um den Angehörigen einer Nagerart, der Wanderratte, welche als blinder Passagier seit den Frühzeiten der Seefahrt die Welt eroberte. Sie ist schuld, dass unsere heimische Hausratte längst das Mitgefühl der Artenschützer genießt, denn sie wurde von ihrer wandernden Verwandten verdrängt und steht auf der Roten Liste bedrohter Arten. Allerdings ist sie anonym verschwunden, ohne das Pressefoto eines (scheinbar) um Hilfe schreienden Individuums. Auch die vielen anderen Tierarten, welche weltweit von der Wanderratte an den Rand der Ausrottung gebracht wurden, dürfen nicht diesem unglücklichen Rattenmann angelastet werden. Rache ist unchristlich. Wobei es sich um den Angehörigen einer der häufigsten Säugetierarten der Erde handelt und außerdem die Rolle der Ratte als Versuchstier in der Medizinindustrie ebenso bedeutend wie umstritten ist.

Ratte in Bensheim gelangt zu Weltruhm

Hätte man die Unglücksratte im Gullydeckel stecken lassen oder totgeschlagen, wäre die Stimmung wohl ähnlich hochgeschlagen. Hilflose Wesen ihrem Schicksal zu überlassen, ist moralisch verwerflich. Auch wenn das Tier zu einer an sich verhassten Art gehört und nur seine Beleibtheit zum Auslöser für die plötzliche Beliebtheit wird.

Irgendwo brauchen wir anscheinend rührende Geschichten über erfolgreiche Rettungsaktionen. Die Situation erinnert ein bisschen an die allgemeine Erleichterung, dass keines der Schweine zu Schaden kam, als der mit ihnen beladene Lastwagen auf dem Weg zum Schlachthof einen Unfall hatte und umkippte.

Ratten liehen einer singenden Rattenmeute ihren Namen, die weltweit unter der englischen Bezeichnung Rat Pack bekannt wurde. Frank Sinatra, Sammy Davis jr. und Dean Martin konnten damals nicht ahnen, dass jemals ein Vertreter der Namenspaten ihrer Gruppe in Bensheim wegen Übergewicht zu Weltruhm gelangen würde.

Manfred Niekisch ist Biologe und ehemaliger Zoodirektor.

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